Archiv der Kategorie: Autoren

Wir haben das Pläneschmieden kultiviert

keinthemaSonntagskolumne von MagunSimurgh

Vor der Lektüre dieser Kolumne empfehle ich das Stück  Vergangenheit von „Die Höchste Eisenbahn“ in  Ton oder wenigstens in  Text zu konsumieren.

Der zentrale Punkt des Textes ist meines Erachtens der:

„Du dachtest: „Wenn ich richtig alt bin, hör ich endlich auf mit Allem 
Und dann fülle ich mein Leben nur mit Schönem, Wahrem, Prallem.“

Das ist eine Illusion, der wir uns gerne hingeben: dass wir irgendwann so über uns selbst hinaus gewachsen sein würden, dass wir tun und lassen können, was wir wollen. Und es ist eine Illusion, dass wir uns immer treu geblieben sind, egal, was alles war. Diese Kontinuitätsillusion nennt sich Identität und vermutlich sind es diese Einbildungen, die uns zusammenhalten. Wir sehen unsere Welt als stabiler an, als sie eigentlich ist.

Man geht aber noch viel weiter, es gibt regelrecht kultiviertes Pläneschmieden. Wir wollen Lottogewinner sein und zwar im ganzen Leben: Nie vom Blitz getroffen werden und erst recht nicht vom Schlag. Wir wollen alles wissen und zwar besser und dabei noch wissen, dass wir nichts wissen. Wir planen die Weltherrschaft und eine glückliche Familie zu haben, wir haben es perfektioniert den Soll-Wert für unser Leben zu bestimmen, und dabei den Boden unter den Füßen verloren. Oder einfach den Realismus.

Doch was, wenn der Plan nicht aufgeht? Dann glauben wir, versagt zu haben, und die Welt bricht ein. Selbst dann ärgern wir uns noch, weil wir hätten sehen müssen, dass es so kommen musste. Doch auch das ist eine Illusion: nur weil etwas im Nachhinein plausibel ist, war es nicht unbedingt vorhersehbar.

Ich wünsche mir etwas mehr kultivierte Echtheit, das Anerkennen der eigenen Schwächen und berechtigte Selbstzweifel. Auf sich selbst hören ist gut – Intuition eine Stärke des Menschen in vielen Situationen. Aber Gedanken, Gefühle, Eingebungen – alles entsteht im Gehirn und das ist nicht fehlerfrei. Ich glaube, manche nennen das Demut. In diesem Sinne, möchte ich mit einem weiteren  Lied abschließen.
Einen guten Sonntag.

 

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Nach Hause fahren

keinthemaSonntagskolumne von bookishasearlgrey.

Keiner kanns schon mehr hören vielleicht, aber trotzdem möchte ich über das so genannte „Nach Hause fahren an Weihnachten“ sprechen. Im studentischem Umfeld ist es schließlich seit Wochen ein Thema, wenn man in Berlin wohnt und der Großteil der KommilitonInnen zu den sogenannten „Zugezogenen“ gehört. Auf den ersten Blick scheint alles so klar: Man fährt „nach Hause“, zu dem Ort der Herkunft, der Familie und feiert „Weihnachten“, DAS christliche Fest. Ich finde es absurd und lustig, wie wenig in Wahrheit das „Nach Hause fahren an Weihnachten“ mit dieser Definition zu tun hat. Ungetaufte Ost- und Westkinder „fahren nach Hause“, Mitglieder von zerstrittenen Familien „fahren nach Hause“, Scheidungskinder fahren „nach Hause“, an den Wohnort eines Elternteils, an dem sie nie zu Hause waren and so on and so on…
„An Weihnachten nach Hause fahren“ beinhaltet so viel mehr, als Geschenke abzustauben. Es sagt viel über Verwurzelung und Pflichtbewusstsein aus, über Zusammenhalt, oder Einsamkeit und den mangelnden Alternativplan als zugezogener Großstadtsingle mit verleugneten und doch bestehenden Familienidyllen. Ist es, hm, Heimweh? Und wonach denn, wo man sich doch oft so fremd vorkommt, an diesen Orten, an die man da fährt, weil man seit Jahren am 23.12. das selbe Zugticket löst. „Zu Hause“ ist da, wo man verkannter ist als im letzten Urlaubsort, oder doch bekannter als im alltäglichen Umfeld, und vielleicht auch richtig erkannt, vielleicht aber auch nicht. Wo einem die Menschen seltsame Namen geben und in Dialekten sprechen, die man nach 10 Bier vielleicht als Persiflage hinkriegt, von denen die Zunge aber mittlerweile Muskelkater bekommt. Mit verdrehter Sprache und einem Arm voller Geschenke rechtzeitig vor Silvester zum klassenpassenden Besäufnis mit Aperol-Spritz statt Holunder-Hugo zuhause zurück, fragt man sich, wer man denn nun eigentlich ist, und ob man es denn nicht doch am meisten in den vollen Zügen und zwischen den Jahren war, all die Zeit, die verstrichen ist seit?
Wir haben vielleicht irgendwann aufgehört zu fragen, warum wir Weihnachten „nach Hause fahren.“ Es kann aber eine durchaus spannende Reise in die eigene Identität sein, die Begriffe auseinanderzunehmen und es zu tun.

schreibmaschine

heißt die Berliner Jugendzeitung, in deren zweiter Ausgabe wieder einige Texte einiger Autoren unserer Anthologie veröffentlicht wurden, und zwar von

BInspired , LyraBerethil , para.gone und Zeder,

den Autorinnen: Herzlichen Glückwunsch, und dem Team der schreibmaschine ebenso zur gelungenen zweiten Ausgabe.