Disziplin der Entspannung

keinthemaSonntagskolumne von m.o.bryé.

Ich habe keine Lust mehr zu denken. Also kopiere ich exzessiv Rezepte aus dem Internet und plane ein umfassendes Kuchenmenü für den nächsten Besuch meiner Eltern, die beide kein Gebäck mögen. Ebenso exzessiv studiere ich Magazine mit Sonderangeboten und verbringe dann Stunden damit, eine Handvoll Lebensmittel in sechs verschiedenen Geschäften zusammenzusuchen. Anschließend sortiere ich meine Ordner neu, räume mein Zimmer auf, tippe alte Texte ab oder häkel lose Haare in Dreads ein.

Spaziergänge etc. sind ziemlich sinnlos in solchen Momenten. Ich renne dann ziellos vor mich hin, irgendwie in dem Gefühl verbleibend, dass das gerade eine Tätigkeit ohne Daseinsberechtigung ist, und mit den Gedanken doch immer wieder zurückkehrend zu der langen Liste an Aufgaben, die zuhause wartet. Meine Arbeit besteht zu einem Großteil aus Denken. Da sind solche Pseudobeschäftigungen leider eher Umgebung statt Pause, und der brutale Leerlauf führt eine Überdrehung statt der gewünschten Entschleunigung herbei.

Stattdessen also Selbstüberlistung. Die etwas monotonen Aufgaben, die ich mir dabei stelle, und die meist angenehm intuitive, simple Entscheidungen verlangen, haben als hübschen Nebeneffekt, dass ich mir sogar noch einreden kann, produktiv gewesen zu sein. Hinterher ist der Kühlschrank voller, irgendetwas strukturierter, eine Liste länger oder die Haare wieder in der Reihe. Oder eine Kolumne geschrieben, die aber unter diesen Umständen zu flach ausfällt und meine Kopfschmerzen eher provoziert hat. Für nächstes Wochenende also wieder eine andere Strategie.

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