300 Witze

„Wie kann man so viel lachen“, sagte kürzlich eine anonyme Person zu mir. „Du hast nur so viel Energie, weil du dich zu wenig bewegst.“

Irrtum! Ich bewege mich möglichst wenig, damit ich genug Energie zum Lachen habe. Warum sollte ich Sport treiben, wenn ich meine Kräfte genauso gut verjubeln kann? Inzwischen ist ja geklärt, dass Lachen effektiver ist als herkömmliche Bewegung. Und was mich betrifft, so finde ich es auch deutlich angenehmer. Was ist aber, wenn einer darüber klagt, er habe schlichtweg keinen Grund zu lachen?

Faule Ausrede, sage ich. Als müsse man jedes Mal warten, bis einem ein autorisierendes Lachmotiv begegnet. Aufstehen und an den Kühlschrank gehen kann man einfach so, aber zum Lachen braucht man eine handfeste Stütze. Und dann auch noch jedes Mal eine neue. Viele Menschen sind schon so weit, dass sie über denselben Witz kein zweites Mal lachen können.

Dabei sollte es keine unmenschliche Herausforderung sein, grundlos zu lachen. Man könnte beispielsweise eine imaginäre Lachkapsel schlucken oder sich unsichtbares Lachwasser einschenken. Wer das nicht ausprobieren möchte, kann sich natürlich auch aktiv nach Gründen umsehen. Allzu schwierig ist das nicht, das Leben steckt tatsächlich voller fantastischer Witze – man muss sie nur kapieren.

Öffnet man sich beispielsweise der Absurdität, stellt man fest, wie komisch es ist, wenn jemand ein Sparschwein kauft. Oder lacht darüber, dass der Tausendfüßler keinen einzigen Fuß hat. Über rauchende Suchttherapeuten, den lieben Gott oder den Kapitalismus, meinetwegen sogar darüber, dass „Bleib so, wie du bist!“ genau genommen eine Verwünschung ist.

Übrigens ist es ein Blödsinn, dass man irgendetwas kapieren muss, um sich amüsieren zu können. Kinder lachen ungehemmt bis zu 300 Mal am Tag, ohne dass man ihnen 300 Witze erzählen muss. Dazu brauchen sie auch keine Konzepte wie „Ironie“ oder „Absurdität“. Sie sind einfach noch nicht verrückt genug, um sich einzubilden, man müsse zum Lachen erst einen stichhaltigen Anlass finden.

Obwohl es davon, mit Verlaub, mehr als nur einen gibt: Lachen erweitert die Gefäße, es kurbelt den Kreislauf an, wirkt entzündungshemmend, reduziert Stresshormone, setzt schmerzlindernde Endorphine frei, stärkt das Immunsystem und fördert unter anderem auch die Kreativität. Man sollte es sich besser nicht vorstellen, aber einige meiner liebsten Texte habe ich lachend geschrieben.

Nein, das war eine Lüge. Und natürlich hat die Lacherei auch ihre Nachteile. Es kann zu Krampfanfällen oder kurzen Phasen der Bewusstlosigkeit kommen, manche Leute sind sogar daran gestorben. Chrysippos von Soloi soll sich totgelacht haben, nachdem er seinem Esel Wein gegeben hat (was für mich wie eine Metapher klingt, aber dies nur am Rande). Allerdings kenne ich noch andere Sachen, die zum Tod führen (und die sind allesamt unangenehmer).

Ach, manchmal bereue ich ernsthaft, dass ich nicht Gelotologin geworden bin. Aber meistens lache ich darüber. – Sonntagskolumne von modedroge.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.