Rauhfaser

Es sei gelobt und angekündigt: Das letzte laaaaaaange Essay von mir zum Geschlechterthema. Mach ich ja nur, um die Zeit bis zu Sarahs Beitrag zu überbrücken ;-)

Insgesamt scheint etwas Verwirrung darüber zu herrschen, wie wir Männer heute eigentlich so sind. Ob man SPIEGEL liest, ZEIT, Süddeutsche – die ganze mittig bis leicht linke Presse hat sich von Rauhfaser ein Trendthema abgeschaut. Während sich die Einen sich nach wie vor am alten Männer(feind)bild abarbeiten und von Mars und Venus schwafeln, beklagen die Anderen, dass es unter 30 (bald muss ich mich ja zum Glück nicht mehr angesprochen fühlen) nur noch überreflektierte Frauenversteher gebe und Dritte möchten die Jungs, die angeblich nie erwachsen werden wollen, gerne “zurückpfeifen”. Dass viele öffentlich klagen, aber eigentlich kaum jemand – gerne seien auch Frauen dazu eingeladen – ein Loblieb auf den Mann singt, ist nichts Neues und inspirierte bereits in den 1990er Jahren eine deutsche Frauenzeitung zu der Werbeanzeige, auf der eine haushohe Riesenspinne eine Stadt in Schutt und Asche legt und sich ihr ein Mann mit Fliegenklatsche in den Weg stellt, während die Frau an seinen Arm schreit “Iih, mach das weg”. Der Slogan: “Männer, gut dass es sie gibt”. Die spannende Frage scheint zu sein: Wofür braucht man uns denn?

Die Verwirrung ist durchaus nicht unnachvollziehbar, denn mir scheint, dass sich das gelebte Männerbild in meiner, unserer Generation fundamental geändert hat, ohne dass das sozial/medial reflektiert wurde. Und dass das Frauen vielleicht sogar mehr verwirrt als Männer. Ich erlebe und schreibe das – wie es dem Erleben gebührt – radikal subjektiv, aus meinem eigenen Biotop von bunt durch Deutschland und Amerika gewürfelten (Wahl-)Großstädtern zwischen 20 und 35 mit überdurchschnittlicher geistiger Wachheit, Affinität zu Musik und Kunst, geringem Massenmedienkonsum und ausgeprägtem Individualismus. Also nicht mit dem leisesten Anspruch, repräsentativ zu sein. Doch in diesem Ausschnitt der sozialen Realität habe ich etwas erlebt, als ich mit diesen Jungs aufgewachsen bin:

Unsere Männlichkeitsinsignien haben sich gewandelt. Massiv. Als wir klein waren, geierten wir (ich spreche selbstredend völlig anmaßend von “wir” und schere damit Jungs über einen Kamm, die natürlich untereinander mächtig unterschielich sind) über Autoquartetts, wollten James Bond werden, spielten die Fußball-WM-Spiele am Baggersee nach und dachten uns als künftige Familienernährer, auf jeden Fall als berühmt, mindestens aber als reich. Frauen würden wir auswählen, erobern, für uns gewinnen…Metaphern zwischen Kampf und Spiel mit eindeutiger aktiv-passiv Verteilung. Respekt bekam der Lehrer mit dem neuen BMW M3, oder der, der wie Indiana Jones aussah. Und natürlich der, auf den die hübschen Schülerinnen flogen.

Was ist dann nur aus uns geworden?

Kommunikationspsychologen, Mediengestalter, PR-Experten, Landschaftsgärtner, Sozialarbeiter, Lehrer. (Ich gebe zu: Ein Biomediziner, ein Speditionskaufmann und ein Jurist sind auch dabei). Das klingt irgendwie näher an Bridget als an Indiana Jones. Mein Autospleen, der noch zu Abi-Zeiten Anerkennung erfuhr, gilt heute als anachronistische Marotte…sporliche Autos, die dauernd Geld und Mühe kosten, geraten eher unter Statussymbolverdacht, als Begeisterung auszulösen. Außer mir hat einer in meinem Freundeskreis ein Auto. Einen Trabi. Genau ein Mann in meinem Freundeskreis interessiert sich heute noch für Fußball. Und die Sache mit dem Geld, der Macht oder der Familienernährerrolle? In ca. 50 Prozent der Beziehungen in meinem Freundeskreis kamen/kommen die Frauen schneller und besser mit dem Studium voran, haben die solideren Jobs, mitunter auch das höhere Gehalt. In den anderen 50 Prozent haben weder Mann noch Frau die geringste Lust darauf, dass er den Ernährer gibt. Die Frauen machen lieber Karriere…als – ich gehe hier jetzt meinen Freundeskreis durch – Juristin, Unternehmensberaterin, Kriminalpolizistin, Architektin, Ärztin, Physikerin (ich gebe zu: eine Game-Designerin ist auch dabei, eine Lehrerin und eine PR-Expertin)…die Männer haben lieber mehr Zeit und Energie für Musik und nicht wenige hätten sie später gerne auch für die Kinder. In den Erwerbsbiografien klaffen häufig freiwillige oder zumindest mutwillig in Kauf genommene Lücken der größeren Art. Alben aufnehmen, durch die Gegend reisen, Studien oder Ausbildungen “mal ausprobieren”, Selbstfindung. Die neuen Staussymbole: Kreativität, Inspiration, Unangepasstheit – und das Selbstbewusstsein, die damit verbundenen soziohierarchischen und Karriererisiken auf sich zu nehmen. Dass ich bei einem Energiekonzern arbeite und gut verdiene, ist etwas fast schon Peinliches, über das man lieber nicht spricht, so tut, als wäre es nicht so (in der Grundschule noch dachten wir, soetwas sei dann Anlass, jetzt endlich selbst den BMW zu kaufen oder…Ihr wisst schon: Baum pflanzen, Haus bauen und so). Überhaupt Beziehungen: In den meisten Partnerschaften in meinem Umfeld sind die Männer schüchterner als die Frauen, die eher den Kurs der Beziehung prägen, nicht selten auch sexuell forscher sind und die großen Fragen bis hin zum Heiratsantrag mindestens mit gleicher, wenn nicht gar höherer Wahrscheinlichkeit ansprechen…”erobern” würde niemand mehr ernsthaft sagen oder meinen, “zusammenfinden” ist der Begriff der Stunde.

Was sich mit den Insignien und damit verbundenen Lebensentwürfen gewandelt hat, ist das Kommunikationsverhalten – verbal wie physisch. In der vierten, fünften, sechsten Klasse noch galt die Angst davor, als “schwul” abgestempelt zu werden, wenn man unter Männern freundschaftlich körperliche Nähe zeigte oder über seine Gefühle sprach. In der siebten bis zehnten Klasse galt es noch mindestens als wahlweise “Emo” oder “Weichei”. Ab der elften, zwölften Klasse fing das plötzlich an, dass das Umarmen zur Begrüßung salonfähig, ja cool war – solange man es angemessen stilisierte und ironisierte (Neunziger-/Nullerkram eben). Und heute ist das “komm, ich nehm Dich in den Arm”, das fest-Drücken, in Ausnahmefällen auch das über-den-Kopf-Streichen oder untergehakt-durch-die-Stadt-Laufen unter Männern in meinem Umfeld ein legitimer Bestandteil des Ausdrucksrepertoires, des füreinander-Daseins in einer Freundschaft geworden. Das Gespräch über Befindlichkeit, Träume, Wünsche, Lachen und Tränen kneipentauglich (zumindest in Bremen, San Francisco und Berlin). In klassischen Freundschaftsgesprächen über Beziehungen nach dem Muster “Ich muss mich ausheulen, weil…” geht es durchaus manchmal noch um klassische Themen wie: “sie ist zu eifersüchtig” oder “sie klammert” oder “sie ist zu fordernd” – doch immer häufiger tritt hervor “sie hört mir nicht zu”, “sie ist wenig empathisch”, “wir kommunizieren nicht gut”, “sie nimmt meine Kreativität nicht an”, “sie unterschätzt meine Verletzlichkeit”, “sie kann Nähe schlecht zulassen”, “sie ist unromantisch”. Diese zutiefst menschlichen Erwartungen, die aber lange keine Männlichen sein durften, werden nicht länger verleugnet, sondern offen und ohne Scham geäußert…als Wunsch, als Bedürfnis, als Anspruch. Im Gegenteil sogar: Lächerlich oder zumindest irgendwie unheimlich macht sich, wer hart wirkt, unerschütterlich…heute entschuldigte sich ein Freund dafür, einen Trauerfall erst abends an sich heranlassen zu wollen, rechnete damit, dass ein entsprechend pragmatisches Management von Gefühlen im (männlichen!) Freundeskreis Unverständnis und Missfallen hervorrufen würde. Und wo Ironie in Zynismus umschlägt, gähnen alle “das ist so 90er”.

Insgesamt scheint mir, dass hier Männer – ich sage bewusst nicht “wir Männer” oder “die Männer”, weil ich schwer abschätzen kann, wie sich das in anderen Gesellschaftsausschnitten verhält und natürlich auch nicht wenige Gegenbeispiele kenne – einen Wandel durchgemacht haben in den letzten 20 Jahren, der sie aus Männersicht der frühen bis mittleren 1980er, in denen sie geboren wurden, vielleicht kaum noch als typische Männer scheinen ließe. Sondern als frappierend weiblich. Und das, ohne dass wir Jungs (oder unsere Partnerinnen) irgendwelche Kastrationsgefühle hätten. Wir haben uns auch nicht Gender-Mainstreaming-Leitbildern angepasst. Sondern einfach das entspanntere, spannendere, menschlichere Land jenseits des klassischen Männerbildes entdeckt.

Wenn das nicht nur nicht bejubelt wird als weiterer Schritt der Emanzipation, sondern entweder medial gar nicht bemerkt wird (man denke daran, mit welchem Hohn und Spott und vor allem mit wie wenig Beachtung Paul-Herrmann Gruners grundlegendes Buch “Frauen und Kinder zuerst” Anfang der Nullerjahre empfangen wurde) oder – von meist weiblicher Seite! – als “was ist nur aus den Männern geworden” betrauert wird, drängt sich mir ein übler Verdacht auf, der hier zum Schluss geäußert sei, um die Debatte anzuheizen:

Ist vielleicht der Erfolg der weiblichen Emanzipation auch darin begründet gewesen, dass sie wirtschaftlich wünschbar war, im Grunde prokapitalistisch? Dass, indem die Hausfrau zur Businessfrau wurde, vormals nicht kapitalisierbare Arbeitskraft kapitalisierbar wurde, sich die Zahl qualifizierter Arbeitskräfte dadurch erhöhte, der Wettbewerbsdruck somit auch – was Arbeitgebern eine bessere Auswahl zu tendenziell niedrigeren Löhnen verheißt? Dass indem mehr Frauen kapitalistisch messbaren Mehrwert generieren, das Bruttosozialprodukt insgesamt steigt und damit insbesondere die Margen der ein bis zwei Prozent? Nicht zu vergessen: Dass mit mehr finanzieller Autonomie der Frauen der Konsum angekurbelt wird? Zumal in einer Zeit, als die junge Bundesrepublik zum ersten Mal auf Wachstumshemmnisse traf?

Und müsste man, wenn die “neuen Männer” (der bekloppte Begriff sei spaßeshalber verwendet) auf den BMW pfeifen, die 50- gegen eine 35-Stunden-Woche eintauschen, lieber Designer als Buchhalter werden, bereitwillig Einkommen gegen Lebensqualität tauschen und lieber Musik machen als in den Nachtclub gehen, nicht über eine neue Arbeitsteilung nachdenken…müssten dann nicht andere (womöglich Frauen?) mehr arbeiten? Oder alle mit weniger Bruttosozialprodukt zu leben bereit sein?

Ist der nostalgische Nachruf auf den Mann oder das Klagen über seine heutige Unbestimmtheit vielleicht auch die Angst davor, dieses Fass aufzumachen? Weil es Dynamit birgt – für Männer, für Frauen, für die Gesellschaft, die Politik, nicht zuletzt die Wirtschaft? Weil aber am Ende eine echte Emanzipation stehen könnte…eben eine der Geschlechter, nicht nur eines Geschlechts. – „Fundstücke aus dem männlichen Wahrnehmungsapparat. II – Rollentausch?“ – von Jan.

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