Der fundamentale Attributionsfehler und die Liebe

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„Der fundamentale Attributionsfehler bezeichnet die Tendenz von Menschen, wenn sie das Verhalten anderer einschätzen, dispositionale Faktoren (Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen, Meinungen, Herkunft, …) systematisch zu überschätzen und den Einfluss externer Faktoren (Situation) zu unterschätzen.“
Das bedeutet, grob gesagt, dass man dazu neigt, Menschen als Individuum mehr „Schuld“ zu geben, als sie objektiv betrachtet haben. Wir neigen zum Beispiel intuitiv dazu zu sagen, dass die Menschen, die in den Konzentrationslagern getötet haben, grundsätzlich „schlechte“ Menschen waren. (Vielleicht um die Illusion zu wahren, dass wir anders sind. Das Ganze geschieht auf einer sehr subtilen Ebene mit uns.) Klassisches Gegenbeispiel ist das Milgram-Experiment, das deutlich gezeigt hat, dass ziemlich viele Menschen ähnlich gehandelt haben könnten wie die KZ-Wächter.
[An dieser Stelle ein mahnender Einschub: Das ist keine Absolution oder gar ein Freispruch. Was in den KZs passierte, ist absolut abscheulich und verwerflich. Der fundamentale Attributionsfehler sagt nicht, dass diese Menschen keine Wahl hatten, er sagt nur, dass wir es uns beim Beurteilen ziemlich schnell leicht machen, zu sagen, die waren „böse“.]
Zurück zum Thema – irrerweise passiert uns das Gleiche in der Liebe und im Film. Besonders also im Liebesfilm. Ich möchte eine klassische Filmhandlung skizzieren: Sie kennen sich schon ewig und verlieren sich, denn sie zieht in der dritten Klasse weg. Die nächsten Jahre verbringt er damit, immer an sie zu denken. Sie ist seine „große Liebe“. Durch diverse Wirrungen und unglaubliche Zufälle begegnen sie sich wieder. Sie haben einander nie vergessen und sind im Grunde natürlich immer noch in einander verliebt. Die beiden verbringen eine unglaubliche Zeit zusammen, erleben viele Abenteuer und bleiben am Ende für immer glücklich zusammen.
Der Betrachter neigt intuitiv, so er sich denn auf das emotionale Erlebnis einlassen kann, dazu, anzunehmen, hier wäre ein Füreinanderbestimmtsein am Werk. Und genau hier lauert unser Freund, der fundamentale Attributionsfehler. In meinen Augen übersehen die meisten Leute an diesem Punkt, dass zum einen die Figuren oft in einer Situation stecken, die es ihnen ermöglicht, sich voll und ganz aufeinander zu konzentrieren, ohne die Ablenkungen des Alltags. (Das ist meist die so genannte „Haupthandlung“.) Außerdem vergisst man allzu leicht die sehr konstruierten Zufälle, welche Filmfiguren miteinander verbinden. Mag es solche Ereignisketten auch real geben, geschehen sie dennoch unabhängig davon, ob jemand „zusammengehört“ oder nicht.
Zum anderen überschätzt man die Eignung der Personen füreinander. Man hat das Gefühl, dass eine vorgelagerte Zusammengehörigkeit kausal zu allem führt, was die beiden zusammenführt. Also man denkt, dass sie zusammengehören und deshalb zueinander finden. Daraus entsteht ein irreales Erwartungsbild an Beziehungen: es müsse doch irgendwo da draußen jemanden geben, der die Disposition erfüllt und nur für mich ist. Ich denke, das ist zu kurz gedacht, weil Beziehungen immer auch erfordern, dass man sich einander bewusst zuwendet. Sicherlich gibt es den Faktor „Zusammenpassen“, aber man sollte ihn nicht für ausschließlich halten. Beziehungen, die über die erste Verliebtheit hinaus andauern, scheitern – denke ich – weniger daran, dass die Leute nicht zueinander passen, sondern eher daran, dass sie es nicht geschafft haben, sich emotional klug den Herausforderungen zu stellen, die eine dauerhafte Beziehung mit sich bringt. (Der Partner, der die Schuhe immer im Gang liegen lässt, die Zahnbürste falsch herum in den Becher stellt oder die Morgenmuffligkeit oder oder oder.)
Ich beziehe das auf die „klassische“ Zweierbeziehung, weil sich meine Erfahrungen darauf beschränken, aber ich kann guten Gewissens voraussagen, dass sich das in vielen Arten von Beziehungen zeigen wird. Denken Sie mal drüber nach. – Sonntagskolumne von MagunSimurgh.

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