Der Geschmack von Schokolade

4 09 2009

von Struppigel

bild2Unser narbengesichtiger Chef stand schon seit zwei Stunden mitten in der knöchelhohen Schlammpfütze und brüllte Befehle. „Los, los, bewegt eure Ärsche! Eine Reihe! Liegestütze!“ Wir hatten die Wassereimer am 500 Schritt entfernten Fluss gefüllt, Feuerholz gesammelt, waren danach mehrere Runden um den Hof gerannt, hatten die Trittfallen überprüft und die Scheißhaufen von der Lagerstelle entfernt. Der Chef war nicht zu bremsen. Schuld daran war nur das Essen. Das Essen, das immer fehlte. Das Narbengesicht meinte, es läge an unserer Kondition. Mehr Kondition bedeutete mehr Essen. Essen bedeutete alles. „Schneller, nicht so schlapp!“ Mein Körper funktionierte automatisch. Hoch, runter, hoch, runter und immer wieder titschte ich dabei mit dem Gesicht in den Schlamm. Einige der anderen hatten bestimmt bessere Stellen erwischt. Ich sah zu meinem Nebenmann. Krebskopf grinste mich an, verzog sein Gesicht aber gleich wieder angestrengt. Weiter hinten kippte einer der drei Neuen um, die vorgestern zu uns gestoßen waren. Sie hatten ganz abgerissen ausgesehen, aber wir konnten jeden hier gebrauchen. Es war sogar eine Frau unter ihnen. Narbengesicht trat schnurstracks aus seiner Pfütze, ging auf den Schlappschwanz zu und schlug ihm mit seinem glänzenden Metallknüppel auf den Rücken. Ich glaubte, etwas knacken zu hören. „Aufstehen!“, brüllte Narbengesicht „Wegbringen!“. Wir erhoben uns. Einige schleppten den am Boden Liegenden in die Grube, die anderen fläzten sich auf die Baumstämme an unserer Feuerstelle oder gingen pissen. Der Schmerz in meinen Gliedern und meinem leeren Magen machte sich bemerkbar. Ich musste mich ablenken.
Im zerfallenen Haus neben dem Hof schnappte ich mir eins der zahlreichen Bücher, die ich schon gestern durchstöbert hatte. Nicht alle waren gut erhalten. Ein Loch in der Wand und zwei an der Decke hatten sie teilweise der Witterung ausgesetzt. Die Bücher mit den Abbildungen von Essen gehörten allein dem Chef. Eines davon hatte er selbst beim Schlafen dabei. Manchmal ließ er sich daraus vorlesen. Nur zwei aus unserer Truppe konnten das: Stummel und Krebskopf. Das Buch von Narbengesicht trug den Namen „Schokolade – Rezepte aus aller Welt“. Ich fand das Gelesene langweilig. Aber die Bilder, die ich bisher hatte erhaschen können, sahen ansprechend aus. Vor allem solche mit den roten, gepunkteten Erdbeeren drauf. Narbengesicht predigte manchmal davon. Wir sollten uns anstrengen und nach Höherem streben. Irgendwann würden wir auch Schokolade essen können, spätestens aber nach dem Tod. Krebskopf meinte, der Chef hätte einmal ein Stück davon genascht. Seitdem wüsste er, was der Himmel auf Erden sei. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass es die Schokolade in Wirklichkeit gar nicht gab und nie gegeben hatte, dass sie nur ein Irrglaube war, der uns funktionieren lassen sollte. Ein Traum von gut schmeckendem Schlamm und davon, dass das Unangenehme auch angenehm sein konnte.
Wir alle träumten manchmal solchen Paradies-Quatsch neben den zerfetzenden Bildern, die jeden quälten. Dann wollte man ihn um alles in der Welt festhalten und nicht vergessen, wollte ihn real werden lassen. Der Zwang zu behalten, konnte einen Glauben machen, alles wäre wirklich da gewesen. Vielleicht war dem Narbengesicht so etwas passiert. Aber das sprach ich nicht aus. Sie alle lauschten ihm immer gebannt, wenn er von der Schokolade schwärmte, die verschiedenen Sorten runterbetete, von Zartbitter- über Nuss- bis Vollmilchschokolade. Sogar weiße Schokolade sollte es geben, aber die sei minderwertig, nichts im Vergleich zu dem sinnlichen Kakao in der braunen Masse. Was „sinnlich“ bedeutete und was „Kakao“ war, wusste ich nicht.
Ich fand in dem Haus ein Buch aus Plastik mit großen Bildern darin und ergötze mich an ihnen. Da waren kleine Menschen drauf, viele bunte Dinge und vor allem Tiere. Wir hatten schon seit Wochen keine Tiere mehr gesehen, die wir hätten töten und schlachten können. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

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Am Rande der Fahnenflucht

6 08 2009

von tausendschön

Vorgelesen von MagunSimurgh

bild3Auf der Brücke fange ich an zu schwanken. Sonst tobt hier Wind, daß ich einen Grund habe, mich mit meinem großen Zeh am Bordstein festzuklammern und mit dem Haar im Zopf. Nicht heute. Die letzten Meter rutsche ich hinab. Auf der anderen Seite sind die Straßen weit. Altstadt (in der aus kleinen Räumen nackte Stimmen auf die Straße sich verflüchtigen, um dort auf das staubige Pflaster der engen Gassen zu sinken), warum starrst Du so auf meinen Hinterkopf, er ist verwechselbar und hat Dich bald vergessen. Ich lache aus: Eine Ratte verläßt das sinkende Schiff, das sie selbst ins Windloch gesteuert hat. Und hinter mir bekämpft die Stadt mit unzähligen Laternen die Nacht. Später liegt an ihrer statt ein fliegender Teppich aus Licht: Fiele ich rückwärts, finge er mich auf. Dennoch riskiere ich nichts.
Als es schließlich tagt, sind die Lichter abhanden gekommen, und vor mir steht die Öde. Der Hunger nagt schon wieder Löcher in die Erinnerung, und ich habe doch keinen Samen zu säen.





vielleicht sollten wir eine skizze dazu anfertigen, bis die geräusche des unbekannten uns überwältigen

24 07 2009

von fiazzko

bild2Unser Rhythmus ist durcheinander geraten, damit haben wir nicht gerechnet, als wir den Bahnhof betraten. Den Bahnhof, der von deinen Eitelkeiten und meinem unendlichen Anstand umgeben ist. Wir wissen doch gar nicht, was wir beide hier sollen. Hätten wir eine Chance, müssten wir uns nicht so sehr anstrengen, um an irgend etwas glauben zu können. Niemals haben wir andere Leute mit in unser Unglück gestürzt, doch jetzt ist es zu spät, um sich schützend vor sie zu stellen. Gehen wir ein paar Schritte, werden wir erkennen müssen, dass die Liebe für uns ein Biest ist, welches die Kämpfe mit uns genießt und uns nur deswegen am Leben lässt. Auf den Gleisen lag ein Mann, der uns ansah. Unser Kummer war sein Tod.





Sommerasphalt

17 06 2009

von Zeder

bild2Mit unfähigen Fingern versuchst du nun zum dritten Mal dir eine Zigarette zu drehen, das Blättchen reißt erneut, du beachtest es nicht und greifst zur Packung, um ein Neues heraus zu ziehen. Mir zeigt sich das Bild von einem Balkon voll von zerrissenen Blättchen. Ich weiß nicht, ob du genug Packungen dabei hast, deshalb frage ich. Die Packung füllt sich immer wieder auf, sagst du, weil es eine Zauberpackung ist.
Wir kichern und sehen zum Himmel, der sich irgendwo im Nichts auflöst und sich nicht mehr neu bilden will. Er flimmert nun schwarzweiß wie Fernsehschnee. Ich frage ihn, warum. Er antwortet mir, das Programm sei ausgefallen. Das ist einleuchtend, deshalb höre ich auf mich darüber zu wundern. Ich betrachte dich und möchte, dass du mir etwas erzählst, denn dein Kopf ist verformt und deine Augen größer als gewöhnlich. Deine Backen wölben sich im Birnenformat unter deinen Haaren hervor. Ich kichere. Du rufst einem Jungen, der unter uns die Welt kreuzt, zu, dass er dir eine Zigarette hoch werfen soll, er guckt nach oben und geht dann schneller weiter Richtung Horizont. Ich schätze ihn auf ungefähr neun und werfe ihm ein Blättchen an den Kopf, doch es segelt nur zart wie Schnee durch das Nachmittagslicht und kommt nie auf der Erde an. Der Junge ist schon lange aus der Welt verschwunden.
Du sagst, dass du gerne sterben möchtest. Nickend sage ich: Ich weiß.
Und du beginnst zu erzählen. Damals als du am Meer warst, mit sechs oder sieben, da bist du nackt auf nassen Steinen hin und her gehüpft und hast gesummt und das Wasser schlug beständig seine Arme gegen die Steine und durchflutete sie und trug Algen und Muscheln und Ozeansand hin und her. Und du sprangst erneut ab, hin zu nächsten Stein, der die Form einer Lunge hatte, und bemerktest, dass du dabei bist zu fallen, hinein in die Arme, die fast warm waren und dich hinunterdrückten, und dann sahst du grünes Licht und spürtest Stille und wusstest, dass es nun so weit ist. Genau in diesem Moment möchtest du gestorben sein, sagst du. Mit dem Mund voll Meerwasser, weil man dann im nächsten Leben eine Meerjungfrau wird.
Die Szene wechselt, wir sind auf den Weg in deine Küche und begutachten die Einrichtung und versuchen zu beurteilen was überflüssig ist. Der Toaster, schlage ich vor. Du nickst und greifst danach, gehst hinüber zum Balkon und lässt ihn fallen. Ein dumpfer Aufprall, von einem Scheppern begleitet, erklingt. Im Zurückkommen greifst du zur Obstschale. Wenn ich eigentlich schon tot bin, sagst du, brauche ich auch kein Essen mehr. Ich nehme dir die Schale ab und werfe die Orangen und die Äpfel nach einander auf den Sommerasphalt – sie zerplatzen. Hinterher die orangene Plastikschale, sie dreht sich im Fall und springt in einigen Verenkungen die Straße auf und ab, weil sie nichts findet, wo sie hin gehört. Als ich mich umdrehe, kommst du gerade in die Küche zurück, die Arme, die doch eigentlich tot sind, beladen mit Büchern, und wir beginnen kichernd Hermann Hesse auf die kahle Straße zu werfen – die Buchrücken krümmen sich und schreien und wir lachen und zeigen mit unseren Fingern auf sie. Du reißt Seite um Seite aus, um sie dem Himmel entgegen zu werfen und rufst: Geschenke! Geschenke! Ich kichere ausgelassen und halte dann inne, denn ich sehe plötzlich, wie ein Ansatz von Flügeln aus deinem Rücken wächst, sie stechen schon nach hinten an die Hauswand und wollen sich ausbreiten und du schaust mich mit deinen zu großen Augen an, wir berühren die weißen Federn und ich möchte dein Gesicht streicheln, denn du weinst nun leise vor dich hin, doch der Platz reicht nicht mehr, du drängst mich zurück in die Küche und steigst dann auf dein Geländer, hüpfst und rufst zu irgendjemanden, nur nicht zu mir, dass du jetzt fliegen kannst und du siehst endlich wieder einmal glücklich aus. Mir kommt in den Sinn, dass dein Programm, wegen Störung, schon lange ausgefallen ist und ich renne zum Fenster, um dir nach zu schauen. Später dann Sirenen, keine Meerjungfrauen. Dein Rücken krümmt sich auf dem Sommerasphalt und ich bewerfe deinen Kopf mit Zauberblättchen, die wie Schnee hinabrieseln. Du hast doch den Winter so geliebt.





Rippenbohrend

2 03 2009

von AnNa17

Ich meine, eigentlich ist es ja gewohnt.
Sitze auf diesem Stein und schaue.
Stehe, sitze, renne.
Orangenen Laternen nachschauend.
Nie war mir wirklich klar, was ich da durch die Luft werfe.
Kein Handyklingeln.
Ich hatte halt keine Lust. Immer soll.
Aber nur.
Und pustend beneide ich.
Es war das Gleichgültige.
Aber heute.
Zum ersten Mal spüre ich die
aufgeriebene Haut- die
Steinchen in meinem Schuh.





Tönerne schwarze Wolken und lehmige schwarze Tränen.

2 08 2008

von LyraBerethil

bild2Gestern ist mir der große Zeh abgebrochen, der rechte. Einfach so, beim Laufen. Wahrscheinlich ob meines Ganges, der in letzter Zeit immer tiefer und schlurfender wurde, vielleicht ob meines Kniegelenkes, das sich mit jedem Schritt ein wenig mehr abreibt.

Ich hab ein Pflaster über die Wunde geklebt, um keinen Dreck hinein zu bekommen. Und mein dummer Fuß hat nicht bemerkt, dass ihm der Zeh fehlte, hat sich einfach weitergewälzt und den Zeh unter sich begraben. Der dumme, dumme Fuß. Jeden Schritt, den ich gehe, drängen sich mir Schmerzen durch die Beine, kalt und grau pfeift der Wind durch die Stelle, wo ehemals der große Zeh war, kalt und grau zieht es zum Knie hinauf und heiß und brennend weiter. Jeder Schritt reibt mir die Knie auf. Ich bin in die Apotheke gegangen und sagte, ich wolle eine große Mullbinde. Am besten gleich zwei und in der Apotheke hab ich sofort meine Knie verbunden, damit ich diese verdammte Stelle nicht mehr sehen muss, wo sich der Schmerz hinauf frisst. Wie ein übergroßer Kopf, wie eine große Eiterbeule schlingt sich der Verband um die Gelenke und ich sehe trotzdem noch die Stelle, wo die Knie sich abreiben und fühle den Sand in den Mullbinden.

Meine Füße nur noch schwarze tönerne Stummel, meine Beine schwarze tönerne Stöcke.

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Schlangentanz [Won't ya please be quiet, please.]

21 05 2008

von para.gone

bild2Die Kakophonie des Hupkonzertes vor ihrer Haustür versetzte ihrem jaulenden Hund einen mittelschweren Schlaganfall. Sie stiefelte über seinen längst verwesten Kadaver hinweg und setzte sich zu ihm in das Auto, das bereits seit zehn Minuten ihre Einfahrt versperrte. Aber der Adel kam eben immer zum Schluss.
Der hinter tosenden Sturmwolken verbogene Mond hätte ihr Haar gülden illuminiert, wenn er denn geschienen hätte, als sie die Tür zu dem zerfallenen Gebrauchtwagen öffnete und ihm einen Begrüßungskuss gab.

„Hey, Süße. Und, was machen wir heute?“ raunte er ihr ins Ohr, noch immer die sich hinter ihm bildende, züngelnde Wagenschlange ignorierend, und wartete auf ihr Zünglein in der Waage seiner Mundhöhle.
„Disco natürlich. Hey, was guckst du denn so? Willst du nicht?“
„Naja, ich dachte eher, wir machen uns ‘nen Gemütlichen, aber wenn du gerne möchtest, können wir auch in die Disco.“
Flüchtige Gedanken flirrten durch ihr flackerndes Bewusstsein. Gefallen tun, Liebe demonstrieren, nachgeben? Beharren, Dominanz demonstrieren, fordern? Mit strategischem Flittchenlächeln blickte sie ihn ausdruckslos an. „Na gut, dann gehen wir zu dir.“
„Hey, aber nicht, dass du jetzt traurig bist. Schau mal, mir ist es eigentlich egal, ich will nur lieber mit dir kuscheln und an dir herum lecken, aber auch nur ein bisschen mehr, und wenn du jetzt viel mehr in die Disco willst, dann gehen wir auch dahin, weil’s mehr wiegt, wenn du es mehr willst. Wir messen also, äh, quasi den Betrag der Intensität deines Wollens an dem meiner, und, äh, so halt. Ach, mir egal.“
Die utilitaristischen Fremdworte hatte sie in ihrem Geiste geformt, mit ihrer Zungenspitze in seinen Mund konstruiert und auf dem Tonband ihrer kategorisierten Wahrnehmung abgespielt. „Gut, dann Disco.“

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Valle de la Luna

20 03 2008

von BInspired

bild2Valle de la Luna, P., Valle de la Luna. Ich gehe aus dem Licht, hinaus, auf den kleinen Balkon. Ich sage es nicht. Die Nacht ist satt und neu, sie riecht nach frischer Farbe; das vertrauliche Leuchten übertünchte sie sich, sie ließ es einfach fallen. Keinen Augenblick mehr verschwende ich nach oben. Ich kauere nieder zu den Sternen. Dieser Nacht verschweige ich mich. Valle de la Luna, P.

Die Lichter deiner Dunkelaugen, sie tanzten ihren Walzer
sanft auf mein Gesicht, strichen die Gitarren genüsslich
in das Grübchen hinein, die Ohrläppchen streiften sie
dann ein wenig schneller,
behutsam, denn sie wollten nichts verbrennen;
zu entfachen begehrten sie jedoch.
Und hätte ich ihn fangen können, diesen hellen Moment,
er junge als Sonnenaufgang aus deiner Hand;
und fing ich ihn auch nicht,
ich wusste doch, dass ich ihn bei dir fand, und malte dir
die Morgensonne einfach in die Hand.

Ich kann dich mit den Zähnen knirschen sehen, P., und ich sehe, wie sich die Wasserflasche in deinen Händen dreht. Die Nacht warf heute ihre Sterne ab, sie liegen mit mir auf deinem Balkon; und nur hier kann ich dich mit den Zähnen knirschen sehen, nur hier halte ich es aus. Um mich musst du dich nicht sorgen, weißt du denn nicht: die Nacht warf ihre Sterne ab. Sie passen jetzt auf mich auf. Lass mich nur ein wenig weinen, P., und dann stehe ich wieder auf.

Drinnen spielst du das Didgeridoo, und ich weiß, du spielst es für mich. Dein Lied, es ist geliebte Haut. Lebe es um mich wie einen Arm, und ich friere nicht. Liebe es in mich, und ich weine nicht. Der Nacht glitten die Sterne aus, und sie fielen auf deinen kleinen Balkon; von all dem weißt du nichts. Spiel mir nur weiter das Lied. Derweil hänge ich die Sterne wieder auf. Valle de la Luna, P. Ich weiß, du spielst für mich.





fürsorge

22 02 2008

von ungesagt

wann immer
du mich
bedroht siehst
von meinen abgründen
legst du mir
liebevoll eine schlinge
um den hals
mich beim sturz
zu packen





pierre

9 02 2008

von tausendschön

Vorgelesen von MagunSimurgh

bild3es wintert kalt in diesem letzten monat, frostig, wie um den höhepunkt eines kalten jahres zu verkünden. ich bin auf besuch, wir sitzen im wohnzimmer und diskutieren, mein vater und ich. vielleicht hatten wir gehofft, der frost verhindere die gemeinen kleinen, heißen funken, die wir in jedem unserer gespräche versprenkeln, trotzdem wir nur über das wetter reden. der frost tut uns nicht den gefallen, so streiten wir eben wie üblich, diesmal über merkmale von jahreszeiten im allgemeinen und über die vergangenen wochen im ganz besonderen. er nennt sie herbst, denn das laub war rot, aber ich habe ganz deutlich den frühling gerochen, und ihr seht schon, daß wir niemals auf eine nenner kommen werden. wir diskutieren trotzdem, laut und mit verschränkten armen und bisweilen mit einem leichten anflug von verlegenheit kämpfend, wissen wir doch beide, daß wir über unterschiedliche dinge reden und daß die luft meiner neuen heimat ganz anders riecht, und, nebenbei bemerkt, auch wärmer ist. meine mutter indes schält diese mandarine mit ihren rührenden abgekauten kleinen fingernägeln. tatsächlich ist es mehr ein versuch, denn sie behält den ganzen abend die gleiche mandarine in der hand. es ist nicht ihre erste – sie probiert es jeden winterabend, und es kommt nur selten einmal vor, daß sie es schafft, eine ganze mandarine zu schälen. ich verstehe nicht, warum sie es tut, vielleicht um ihren trotz über die fingernagelreste zu besiegeln, denn am ende des abends ist die mandarine zu matschig, um noch eßbar zu sein. von zeit zu zeit schaut meine mutter mit traurigen augen auf ihre mandarineschälenden finger, aber nie in meiner gegenwart wurde sie je von einer unzufriedenheit übermannt, und zu jeder neuen dunkelheit scheint das blatt neu gemischt. mein bruder pierre starrt meine mutter an, wenn sie sich mandarinensaft aus den augen wischt, er starrt ihr in die augen, in denen zwischen zwei augenzwinkern einmal kurz meine zu bunte strumpfhose aufleuchtet. er starrt auch meinen vater an, seine lässig geknackten nüsse und die schmal gewordenen schultern, und ich bin mir nicht sicher, ob er auch sieht, und auf die gleiche art, was ich sehe: wie eine ungeübt zitternde hand durch den grauen kranz im dunklen haar streicht. mein bruder jedenfalls steht auf und geht ohne gruß in sein zimmer, ich weiß nicht: holt er das verrückte streichholzschloß, an dem er jeden abend baut, oder geht er ins bett. er ist ein zweifelhafter mensch, schon seine geburt war zweifelhaft, ich erinnere mich nicht recht daran, nur an den tag, der ihr vorausging: ein tag wie weihnachten, keine geschenke, aber friedlich und schön, ein tag leben, und dann kam er. ich weiß nicht, ob es an ihm hing, kurze zeit später kam diese weihnachtliche stimmung nicht einmal mehr bei geschenken auf. doch er blieb, pierre, ruhig wie ein stein, vielleicht hat er einfach nur keinen verstand, den er verlieren kann (dann hat er wirklich glück), oder er ist wirklich ein stein. manchmal frage ich mich, wieviel zeit seit seiner geburt verstrichen ist, so viel kann es wirklich nicht gewesen sein, und doch, so meine ich, wäre es für ihn an der zeit, hier rauszukommen. aber so viel weiß ich von ihm: er geht nicht. und plötzlich weiß ich auch, daß er die zitternde hand gesehen hat.
er kommt zurück aus seinem zimmer. in den händen hält er kein streichholzschloß. schon gar nicht für mich. in der einen hand hält er ein messer. mit der anderen öffnet er das fenster. er schweigt und stellt sich zurück an die türe. er braucht kein messer. er will sicher gehen. ich bewege mich zum fenster, drehe mich nicht um. nicht nach zwei gesenkten augenpaaren. ich will sie nicht hören, nicht die augen und nicht seine stimme. doch ich höre sie. pierre schweigt.
mein kopf hat seine stimme: du bist nicht meine schwester
ich kam danach
ich falle