von Struppigel
Unser narbengesichtiger Chef stand schon seit zwei Stunden mitten in der knöchelhohen Schlammpfütze und brüllte Befehle. „Los, los, bewegt eure Ärsche! Eine Reihe! Liegestütze!“ Wir hatten die Wassereimer am 500 Schritt entfernten Fluss gefüllt, Feuerholz gesammelt, waren danach mehrere Runden um den Hof gerannt, hatten die Trittfallen überprüft und die Scheißhaufen von der Lagerstelle entfernt. Der Chef war nicht zu bremsen. Schuld daran war nur das Essen. Das Essen, das immer fehlte. Das Narbengesicht meinte, es läge an unserer Kondition. Mehr Kondition bedeutete mehr Essen. Essen bedeutete alles. „Schneller, nicht so schlapp!“ Mein Körper funktionierte automatisch. Hoch, runter, hoch, runter und immer wieder titschte ich dabei mit dem Gesicht in den Schlamm. Einige der anderen hatten bestimmt bessere Stellen erwischt. Ich sah zu meinem Nebenmann. Krebskopf grinste mich an, verzog sein Gesicht aber gleich wieder angestrengt. Weiter hinten kippte einer der drei Neuen um, die vorgestern zu uns gestoßen waren. Sie hatten ganz abgerissen ausgesehen, aber wir konnten jeden hier gebrauchen. Es war sogar eine Frau unter ihnen. Narbengesicht trat schnurstracks aus seiner Pfütze, ging auf den Schlappschwanz zu und schlug ihm mit seinem glänzenden Metallknüppel auf den Rücken. Ich glaubte, etwas knacken zu hören. „Aufstehen!“, brüllte Narbengesicht „Wegbringen!“. Wir erhoben uns. Einige schleppten den am Boden Liegenden in die Grube, die anderen fläzten sich auf die Baumstämme an unserer Feuerstelle oder gingen pissen. Der Schmerz in meinen Gliedern und meinem leeren Magen machte sich bemerkbar. Ich musste mich ablenken.
Im zerfallenen Haus neben dem Hof schnappte ich mir eins der zahlreichen Bücher, die ich schon gestern durchstöbert hatte. Nicht alle waren gut erhalten. Ein Loch in der Wand und zwei an der Decke hatten sie teilweise der Witterung ausgesetzt. Die Bücher mit den Abbildungen von Essen gehörten allein dem Chef. Eines davon hatte er selbst beim Schlafen dabei. Manchmal ließ er sich daraus vorlesen. Nur zwei aus unserer Truppe konnten das: Stummel und Krebskopf. Das Buch von Narbengesicht trug den Namen „Schokolade – Rezepte aus aller Welt“. Ich fand das Gelesene langweilig. Aber die Bilder, die ich bisher hatte erhaschen können, sahen ansprechend aus. Vor allem solche mit den roten, gepunkteten Erdbeeren drauf. Narbengesicht predigte manchmal davon. Wir sollten uns anstrengen und nach Höherem streben. Irgendwann würden wir auch Schokolade essen können, spätestens aber nach dem Tod. Krebskopf meinte, der Chef hätte einmal ein Stück davon genascht. Seitdem wüsste er, was der Himmel auf Erden sei. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass es die Schokolade in Wirklichkeit gar nicht gab und nie gegeben hatte, dass sie nur ein Irrglaube war, der uns funktionieren lassen sollte. Ein Traum von gut schmeckendem Schlamm und davon, dass das Unangenehme auch angenehm sein konnte.
Wir alle träumten manchmal solchen Paradies-Quatsch neben den zerfetzenden Bildern, die jeden quälten. Dann wollte man ihn um alles in der Welt festhalten und nicht vergessen, wollte ihn real werden lassen. Der Zwang zu behalten, konnte einen Glauben machen, alles wäre wirklich da gewesen. Vielleicht war dem Narbengesicht so etwas passiert. Aber das sprach ich nicht aus. Sie alle lauschten ihm immer gebannt, wenn er von der Schokolade schwärmte, die verschiedenen Sorten runterbetete, von Zartbitter- über Nuss- bis Vollmilchschokolade. Sogar weiße Schokolade sollte es geben, aber die sei minderwertig, nichts im Vergleich zu dem sinnlichen Kakao in der braunen Masse. Was „sinnlich“ bedeutete und was „Kakao“ war, wusste ich nicht.
Ich fand in dem Haus ein Buch aus Plastik mit großen Bildern darin und ergötze mich an ihnen. Da waren kleine Menschen drauf, viele bunte Dinge und vor allem Tiere. Wir hatten schon seit Wochen keine Tiere mehr gesehen, die wir hätten töten und schlachten können. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Auf der Brücke fange ich an zu schwanken. Sonst tobt hier Wind, daß ich einen Grund habe, mich mit meinem großen Zeh am Bordstein festzuklammern und mit dem Haar im Zopf. Nicht heute. Die letzten Meter rutsche ich hinab. Auf der anderen Seite sind die Straßen weit. Altstadt (in der aus kleinen Räumen nackte Stimmen auf die Straße sich verflüchtigen, um dort auf das staubige Pflaster der engen Gassen zu sinken), warum starrst Du so auf meinen Hinterkopf, er ist verwechselbar und hat Dich bald vergessen. Ich lache aus: Eine Ratte verläßt das sinkende Schiff, das sie selbst ins Windloch gesteuert hat. Und hinter mir bekämpft die Stadt mit unzähligen Laternen die Nacht. Später liegt an ihrer statt ein fliegender Teppich aus Licht: Fiele ich rückwärts, finge er mich auf. Dennoch riskiere ich nichts.
Unser Rhythmus ist durcheinander geraten, damit haben wir nicht gerechnet, als wir den Bahnhof betraten. Den Bahnhof, der von deinen Eitelkeiten und meinem unendlichen Anstand umgeben ist. Wir wissen doch gar nicht, was wir beide hier sollen. Hätten wir eine Chance, müssten wir uns nicht so sehr anstrengen, um an irgend etwas glauben zu können. Niemals haben wir andere Leute mit in unser Unglück gestürzt, doch jetzt ist es zu spät, um sich schützend vor sie zu stellen. Gehen wir ein paar Schritte, werden wir erkennen müssen, dass die Liebe für uns ein Biest ist, welches die Kämpfe mit uns genießt und uns nur deswegen am Leben lässt. Auf den Gleisen lag ein Mann, der uns ansah. Unser Kummer war sein Tod.
Mit unfähigen Fingern versuchst du nun zum dritten Mal dir eine Zigarette zu drehen, das Blättchen reißt erneut, du beachtest es nicht und greifst zur Packung, um ein Neues heraus zu ziehen. Mir zeigt sich das Bild von einem Balkon voll von zerrissenen Blättchen. Ich weiß nicht, ob du genug Packungen dabei hast, deshalb frage ich. Die Packung füllt sich immer wieder auf, sagst du, weil es eine Zauberpackung ist.
Gestern ist mir der große Zeh abgebrochen, der rechte. Einfach so, beim Laufen. Wahrscheinlich ob meines Ganges, der in letzter Zeit immer tiefer und schlurfender wurde, vielleicht ob meines Kniegelenkes, das sich mit jedem Schritt ein wenig mehr abreibt.
Die Kakophonie des Hupkonzertes vor ihrer Haustür versetzte ihrem jaulenden Hund einen mittelschweren Schlaganfall. Sie stiefelte über seinen längst verwesten Kadaver hinweg und setzte sich zu ihm in das Auto, das bereits seit zehn Minuten ihre Einfahrt versperrte. Aber der Adel kam eben immer zum Schluss.
Valle de la Luna, P., Valle de la Luna.
es wintert kalt in diesem letzten monat, frostig, wie um den höhepunkt eines kalten jahres zu verkünden. ich bin auf besuch, wir sitzen im wohnzimmer und diskutieren, mein vater und ich. vielleicht hatten wir gehofft, der frost verhindere die gemeinen kleinen, heißen funken, die wir in jedem unserer gespräche versprenkeln, trotzdem wir nur über das wetter reden. der frost tut uns nicht den gefallen, so streiten wir eben wie üblich, diesmal über merkmale von jahreszeiten im allgemeinen und über die vergangenen wochen im ganz besonderen. er nennt sie herbst, denn das laub war rot, aber ich habe ganz deutlich den frühling gerochen, und ihr seht schon, daß wir niemals auf eine nenner kommen werden. wir diskutieren trotzdem, laut und mit verschränkten armen und bisweilen mit einem leichten anflug von verlegenheit kämpfend, wissen wir doch beide, daß wir über unterschiedliche dinge reden und daß die luft meiner neuen heimat ganz anders riecht, und, nebenbei bemerkt, auch wärmer ist. meine mutter indes schält diese mandarine mit ihren rührenden abgekauten kleinen fingernägeln. tatsächlich ist es mehr ein versuch, denn sie behält den ganzen abend die gleiche mandarine in der hand. es ist nicht ihre erste – sie probiert es jeden winterabend, und es kommt nur selten einmal vor, daß sie es schafft, eine ganze mandarine zu schälen. ich verstehe nicht, warum sie es tut, vielleicht um ihren trotz über die fingernagelreste zu besiegeln, denn am ende des abends ist die mandarine zu matschig, um noch eßbar zu sein. von zeit zu zeit schaut meine mutter mit traurigen augen auf ihre mandarineschälenden finger, aber nie in meiner gegenwart wurde sie je von einer unzufriedenheit übermannt, und zu jeder neuen dunkelheit scheint das blatt neu gemischt. mein bruder pierre starrt meine mutter an, wenn sie sich mandarinensaft aus den augen wischt, er starrt ihr in die augen, in denen zwischen zwei augenzwinkern einmal kurz meine zu bunte strumpfhose aufleuchtet. er starrt auch meinen vater an, seine lässig geknackten nüsse und die schmal gewordenen schultern, und ich bin mir nicht sicher, ob er auch sieht, und auf die gleiche art, was ich sehe: wie eine ungeübt zitternde hand durch den grauen kranz im dunklen haar streicht. mein bruder jedenfalls steht auf und geht ohne gruß in sein zimmer, ich weiß nicht: holt er das verrückte streichholzschloß, an dem er jeden abend baut, oder geht er ins bett. er ist ein zweifelhafter mensch, schon seine geburt war zweifelhaft, ich erinnere mich nicht recht daran, nur an den tag, der ihr vorausging: ein tag wie weihnachten, keine geschenke, aber friedlich und schön, ein tag leben, und dann kam er. ich weiß nicht, ob es an ihm hing, kurze zeit später kam diese weihnachtliche stimmung nicht einmal mehr bei geschenken auf. doch er blieb, pierre, ruhig wie ein stein, vielleicht hat er einfach nur keinen verstand, den er verlieren kann (dann hat er wirklich glück), oder er ist wirklich ein stein. manchmal frage ich mich, wieviel zeit seit seiner geburt verstrichen ist, so viel kann es wirklich nicht gewesen sein, und doch, so meine ich, wäre es für ihn an der zeit, hier rauszukommen. aber so viel weiß ich von ihm: er geht nicht. und plötzlich weiß ich auch, daß er die zitternde hand gesehen hat.