von theatralisch
Wer ballert sich da so eifrig durch Berrys Kopf,
das ist doch der Angel, der ihm da hält die
Knarre an seinen bestürzten Kopf.
So oder so ähnlich fing das Drama an, das sich am vorherigen Sonntag zugetragen hat. Es war kein Drama der Extraklasse, denn dann hätte wenigstens etwas Musik im Hintergrund spielen müssen; vorzugsweise Jazz oder eine andere Schwuchtelscheiße. Das passt nämlich am besten zu Hacke und Beil oder eben zu Knarre und Faust.
Oft genug fand ich mich morgens halb ausgetrockend, weil ich die ganze Nacht gekotzt und am Klodeckel geklebt habe, am Fußboden wieder und ich schluckte die letzten Reste runter, die sich in meinem Hals befanden. Oh, niemand will wirklich wissen, was das für Reste waren und wer einigermaßen passabel assoziieren kann, der wird es auf eigene Faust ganz leicht herausfinden.
Einmal in meinem Leben bin ich einem Typ namens Jim gegenübergestanden, der in eben diesem seichten Moment nichts anderes vorzubringen hatte als „Hallo, I’m Jim.“ worauf ich „Igualmente.“ erwiderte. Der Trottel sprach zwar fließend Englisch, aber kein Spanisch, demzufolge wusste er nicht, dass ich laut dieser Ansage, ebenfalls Jim heißen musste.
Man, meine Kehle brennt mir so lichterloh, wie schon lange nicht mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss nicht mich, sondern einfach nur meine Kehle ertränken. Dann passt das schon. Dieser Jim lebt heute vermutlich nicht mehr, weil er meinte, er könnte sich mit mir anlegen.
Wir pokerten erst eine Runde und ich trieb ihn sichtlich in den Ruin. Irgendwann stand ich auf und verabschiedete mich auf das Pisshaus. Jim sah mich knurrend an und sagte „You haven’t told me your name yet. Let me know. I’m Jim.“ worauf ich erwiderte „Oh, I know your name, but I told you mine too. Bye.“ Ich spürte noch eine ganze Weile seinen lodernden Blick in meinen Rücken, während ich mich recht besoffen die Treppenstufen hochzog und irgendwann vor einer weißen Schüssel stehen blieb, um mich zu entwässern. Kurze Zeit später spürte ich eine kräftige Hand auf meiner Schulter, obschon ich gar niemanden kommen hörte.
„Hey you.“ hieß es. „Do you want to fuck with me. I have no AIDS or something like that.“ hieß es weiter. Ich drehte mich um und lachte schallend, als ich Jim erblickte, der anscheinend auf kleine Buben zu stehen schien. Er starrte mich an und war gerade dazu im Begriffe, meinen Schwanz zu berühren. Ich klatschte ihm kräftig auf seine dreckigen ungeschickten Pokerhände und meinte bereits im Abflug „I’m not gay, I’m straight. I guess you should know that.“
Seitdem halte ich mich fern von diesen verpissten Engländern. Entweder sie sind stockschwul oder sie lassen dich nicht ran, sofern sie Frauen sind.
Unser narbengesichtiger Chef stand schon seit zwei Stunden mitten in der knöchelhohen Schlammpfütze und brüllte Befehle. „Los, los, bewegt eure Ärsche! Eine Reihe! Liegestütze!“ Wir hatten die Wassereimer am 500 Schritt entfernten Fluss gefüllt, Feuerholz gesammelt, waren danach mehrere Runden um den Hof gerannt, hatten die Trittfallen überprüft und die Scheißhaufen von der Lagerstelle entfernt. Der Chef war nicht zu bremsen. Schuld daran war nur das Essen. Das Essen, das immer fehlte. Das Narbengesicht meinte, es läge an unserer Kondition. Mehr Kondition bedeutete mehr Essen. Essen bedeutete alles. „Schneller, nicht so schlapp!“ Mein Körper funktionierte automatisch. Hoch, runter, hoch, runter und immer wieder titschte ich dabei mit dem Gesicht in den Schlamm. Einige der anderen hatten bestimmt bessere Stellen erwischt. Ich sah zu meinem Nebenmann. Krebskopf grinste mich an, verzog sein Gesicht aber gleich wieder angestrengt. Weiter hinten kippte einer der drei Neuen um, die vorgestern zu uns gestoßen waren. Sie hatten ganz abgerissen ausgesehen, aber wir konnten jeden hier gebrauchen. Es war sogar eine Frau unter ihnen. Narbengesicht trat schnurstracks aus seiner Pfütze, ging auf den Schlappschwanz zu und schlug ihm mit seinem glänzenden Metallknüppel auf den Rücken. Ich glaubte, etwas knacken zu hören. „Aufstehen!“, brüllte Narbengesicht „Wegbringen!“. Wir erhoben uns. Einige schleppten den am Boden Liegenden in die Grube, die anderen fläzten sich auf die Baumstämme an unserer Feuerstelle oder gingen pissen. Der Schmerz in meinen Gliedern und meinem leeren Magen machte sich bemerkbar. Ich musste mich ablenken.
Auf der Brücke fange ich an zu schwanken. Sonst tobt hier Wind, daß ich einen Grund habe, mich mit meinem großen Zeh am Bordstein festzuklammern und mit dem Haar im Zopf. Nicht heute. Die letzten Meter rutsche ich hinab. Auf der anderen Seite sind die Straßen weit. Altstadt (in der aus kleinen Räumen nackte Stimmen auf die Straße sich verflüchtigen, um dort auf das staubige Pflaster der engen Gassen zu sinken), warum starrst Du so auf meinen Hinterkopf, er ist verwechselbar und hat Dich bald vergessen. Ich lache aus: Eine Ratte verläßt das sinkende Schiff, das sie selbst ins Windloch gesteuert hat. Und hinter mir bekämpft die Stadt mit unzähligen Laternen die Nacht. Später liegt an ihrer statt ein fliegender Teppich aus Licht: Fiele ich rückwärts, finge er mich auf. Dennoch riskiere ich nichts.
Unser Rhythmus ist durcheinander geraten, damit haben wir nicht gerechnet, als wir den Bahnhof betraten. Den Bahnhof, der von deinen Eitelkeiten und meinem unendlichen Anstand umgeben ist. Wir wissen doch gar nicht, was wir beide hier sollen. Hätten wir eine Chance, müssten wir uns nicht so sehr anstrengen, um an irgend etwas glauben zu können. Niemals haben wir andere Leute mit in unser Unglück gestürzt, doch jetzt ist es zu spät, um sich schützend vor sie zu stellen. Gehen wir ein paar Schritte, werden wir erkennen müssen, dass die Liebe für uns ein Biest ist, welches die Kämpfe mit uns genießt und uns nur deswegen am Leben lässt. Auf den Gleisen lag ein Mann, der uns ansah. Unser Kummer war sein Tod.
Mit unfähigen Fingern versuchst du nun zum dritten Mal dir eine Zigarette zu drehen, das Blättchen reißt erneut, du beachtest es nicht und greifst zur Packung, um ein Neues heraus zu ziehen. Mir zeigt sich das Bild von einem Balkon voll von zerrissenen Blättchen. Ich weiß nicht, ob du genug Packungen dabei hast, deshalb frage ich. Die Packung füllt sich immer wieder auf, sagst du, weil es eine Zauberpackung ist.
Gestern ist mir der große Zeh abgebrochen, der rechte. Einfach so, beim Laufen. Wahrscheinlich ob meines Ganges, der in letzter Zeit immer tiefer und schlurfender wurde, vielleicht ob meines Kniegelenkes, das sich mit jedem Schritt ein wenig mehr abreibt.
Die Kakophonie des Hupkonzertes vor ihrer Haustür versetzte ihrem jaulenden Hund einen mittelschweren Schlaganfall. Sie stiefelte über seinen längst verwesten Kadaver hinweg und setzte sich zu ihm in das Auto, das bereits seit zehn Minuten ihre Einfahrt versperrte. Aber der Adel kam eben immer zum Schluss.
Valle de la Luna, P., Valle de la Luna.