Der Autor weist darauf hin, dass die folgenden Worte höchst subjektiv und ebenso polemisch sind.
In der psychologischen Diagnostik spielen die Stichworte „Eigenbeurteilung“ und „Fremdbeurteilung“ eine zentrale Rolle. Sie sind beide mit ihren ganz eigenen Schwierigkeiten und Fehlern behaftet, und die Standardisierung und Normierung solcher Methoden ist eine der Hauptaufgaben, die sich die moderne Psychologie stellt.
(Ganz abgesehen davon, Tests zu entwickeln, die wirklich das messen, was sie zu messen vorgeben.)
Wir alle durchlaufen solche Prozesse aber tagtäglich – und zwar nicht normiert – das ist ein ernstzunehmendes Problem. Je nach Selbstwertgefühl mag man die Titelfrage so oder so für sich selbst beantworten; je nach Wertschätzung und Sympathie mag man sie für andere Menschen bejahen oder verneinen. Was aber ist, wenn von der Beantwortung dieser Frage in einer einzigen Situation ganze Lebenswege abhängen?
Bei der Beantwortung dieser Frage begibt man sich auf das eisige und heiß diskutierte Schlachtfeld von Gerechtigkeits- und Fairness-Debatten. Mathematisch „gerechte“ Auswahlverfahren für große Menschenmengen zu entwickeln, ist nicht schwer: die Lottomaschine macht keinen Unterschied darin, wen sie für bedürftiger hält oder von1 wem sie glaubt, er hätte das Glück „verdient“. Wie aber ist es, wenn es um die Vergabe von Allgemeingütern geht, wenn man aus einer Anzahl an erstklassigen Studenten die erlesen will, die es „wert“ sind, mit einem Stipendium versorgt zu werden?
Die Mehrzahl der Menschen, die für ein Stipendium vorgeschlagen werden, weil sie entsprechende Leistungen vorweisen können, stammt (soweit dem Autor bekannt) aus „sozialen Kreisen“, die eine Versorgung durch ein Stipendium nicht nötig machen. Natürlich kann man nun argumentieren, dass für diese Art der Versorgung das so genannte BAföG existiert. Andererseits: sollte bei der Förderung der begabtesten Köpfe die Erwägung nicht ebenfalls eine Rolle spielen, ob jemand dieses Geld überhaupt nötig hat?
Es fällt nicht schwer, einzusehen, dass man für Stipendiatenauswahl Kriterien braucht. Eine Zufallsverteilung wäre nicht nur „ungerecht“ in Bezug auf Bedürftigkeiten (aufgrund der Mehrheitsverhältnisse), sondern aus Sicht der Elite unverantwortlich, man kann doch nicht irgendwen in seine erlesenen Kreise aufnehmen. Aber wer ist denn der Ehren wert? Das entscheiden zum Beispiel in Auswahlseminaren Juroren in Einzelgesprächen und Debatten. Niemand sagt dem armen Bewerber, worum es eigentlich geht, oder verliert ein Wort über wirkliche Meinungen – zu groß scheint die Angst der Veranstalter, als elitär, diskriminierend oder verletzend zu erscheinen. Vielleicht zurecht. Wer weiß.
Jedenfalls erscheint mir bei der Geheimniskrämerei, die bei derartigen Auswahlverfahren (auch von Arbeitgebern) betrieben wird, zweifelhaft, inwiefern das fair und gerecht sein soll. (Keine Ethikkommission würde einem Wissenschaftler derart unmenschliche Versuche gestatten, ohne die Probanden angemessen zu informieren!) Selbstverständlich zwingt niemand irgendwen, der eine Auswahl in der Hand hat, zur Rechtfertigung, doch es stellt sich mir die Frage – und damit möchte ich eine ehemalige Arbeitgeberin zitieren – wie man so ein „Arbeitsverhältnis, das immer auch ein Vertrauensverhältnis ist“, aufbauen soll? Auf welcher Basis soll hier Vertrauen entstehen?
Eine gute Woche.- Jugendkolumne von MagunSimurgh.