Mir kommt es so vor, Irrtum vorbehalten, als ob seit einigen Jahren verstärkt populäre Jugendbücher und literarische Klassiker verfilmt würden. Ich bin dann jedes Mal sehr gespannt, wenn es sich um Titel handelt, die ich gelesen und vor allem: genossen habe. Gespannt aber im Wortsinne, neben neugierig nämlich auch voller Vorbehalte und Befürchtungen, die sich so oft als irgendwie begründet herausstellen.
Neulich habe ich etwa – etwas abseits der angeführten Genres – den Trailer zur amerikanischen Verfilmung von „Verblendung“ gesehen, die Kritik dazu im Stern gelesen und mich über alles geärgert. Es war leicht, sich zu ärgern, ich hatte es auch vorab erwartet. Literaturverfilmungen ärgern mich meistens; zumindest die populären unter ihnen scheinen vordergründig darauf ausgelegt, ihre Vorlagen zu verbessern, in einem Egotrip die Schokostückchen aus dem Teig zu klauben und sie in einen eigenen Kuchen zu stecken, der nach Schema A bis Z routiniert aus ein bis zwei Backmischungen zusammengemantscht wurde.
Ich möchte einräumen, dass diese Interpretation auf Projektion beruhen könnte. Doch sicher bin ich nicht die einzige, gerade in dieser Runde, die oft genug meint, Schwächen in fremden Werken zu finden, die man selbst so spielerisch ausbügeln könnte: Dieses Ende zieht doch alles Vorangegangen ins Lächerliche, jene Wendung dort ist unglaubwürdig, die Konstellation überkompliziert, die Dialoge zu hölzern. Gerade, wenn Plot oder ein Charakter, der Titel oder eben sonst etwas dennoch begeistern, sind solche Unebenheiten schwer zu schlucken. Es kann dann schwierig werden, wenn man Möglichkeit und Willen hat, seiner Verliebtheit filmisch Ausdruck zu verleihen. So entstehen dann Neuinterpretationen, die, statt ihrer Bezeichnung gerecht zu werden, einfach eine Handvoll Details nach Belieben zurechtfeilen.
Zum oben erwähnten Beispiel war mein Eindruck etwa der, dass in der amerikanischen Neuauflage das höhere Budget vor allem darin investiert wurde, das Authentische aus der Literaturvorlage herauszuglätten, während aus der Erstverfilmung zahlreiche gestalterische Details bis hin zu Kameraeinstellungen übernommen wurden.
Extreme der entgegengesetzten Richtung neigen zur Plumpheit und ärgern mich zumindest noch vielmehr, weil hier der Respekt vor dem ursprünglichen Vorbild vollends abhanden gekommen scheint. In diesen Fällen scheint man sich zwischen Original und Neuinterpretation entscheiden zu müssen, weil charakteristische Aspekte wie Ende oder Auflösung umgekehrt, Charaktere bzw. deren Persönlichkeit entfernt und Handlungsstränge neu verknotet wurden. Dieser Raubbau in fremden Territorien bzw. Kuchen ist in den eingangs beschriebenen Kategorien besonders auffällig, weil schamlos betrieben. So werden dann aus düsteren Märchen wie „Krabat“ und liebevollen Hommagen wie „Tintenherz“ je ein Löffel Einheitsbrei und komplexe Charaktere aus vergangenen Epochen in vermeintlich modernisierte Korsetts kesser Frauen und egomanischer Männer gezwängt, weil Stilles und Ruhiges mit Oberflächlichkeit verwechselt wird. Mich ärgert so alles. – Sonntagskolumne von m.o.bryé.
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