Ich befinde mich in einem fremden Raum, ich kann ihn nicht definieren. Kalter Rauch hängt darin. Es gibt einen Riß in der Tapete, er reicht quer über die verschmierte Kreidezeichnung eines EKGs. Ich kneife die Augen zusammen, erkenne an der gegenüberliegenden Wand Aufnahmen von fremdartigen Lungen, deren Bronchien aussehen wie Gehirne. Ich sehe keine Gegenstände, vielleicht gibt es hier nichts Gegenständliches. Doch ich finde ein Bett und lege mich hinein, ziehe darüber ein feuchtes Laken. Da wird mir bewußt, ich liege hier in einem Möglichkeitsraum gleichwertiger Ideen. Dies Bett ist eine Insel darin. Ich höre ein Rauschen, als wäre um mich Leben, ein Strom, der Ideen trägt und auf dieser Insel versanden läßt. Gischt näßt mich. Ich spüre, daß hier einst ein Vulkan alles Leben ausgelöscht hat. Fruchtbare Erde liegt brach. Ich stelle mir vor, Samen fallen herab oder werden angespült, doch es wächst nichts daraus. Tote Samen sind es oder schlafende. Oder bin ich es, die schläft? Ist am Ende diese Erde gar nicht fruchtbar? Wie bin ich nur hierher gekommen?
Ich erfand einst ein Du, das sprechen und besprochen werden konnte. Heute höre ich dies Rauschen, Stimmen aus dem Off. Geisterstimmen. Früher bestand die Möglichkeit, zu einem Du zu sprechen, weil das rauschende Blut evident gewesen ist, die sich hörbar schließenden Venenklappen, das Zusammenziehen des Herzmuskels. Heute spricht nichts mehr, mit dem Du ist auch das Ich verstummt, emergiert ist ein beständiges Murmeln, das aus den Tapetenrissen tröpfelt. Aus Erzählungen und Dialogen, aus Aus-, Zu- und Hilferufen ist ein warnendes Gemurmel geworden, an dem ich keinen Anfang, kein Ende erkenne. Jeder meiner Sätze ist eine Übereinkunft, ein gewichtetes Mittel von Bruchteilen des Vernommenen, fraglich, fragil, fraktal. Ich versuche bisweilen, Muster zu erkennen, zeitliche oder lautstärkliche, es gibt gewiß Wahrscheinlichkeiten, Vertrauensintervalle, doch um ein verläßliches Ergebnis zu bekommen, müßte ich zunächst wissen, ob diese Stimmen normalverteilt sind, ob es einen Trend gibt. Doch wie geht das, wenn die Stimmen nicht absolut integrierbar sind, wenn ich weder Anfang noch Ende erkenne, wenn ich einfach nur diese Stimmen höre, während ich in diesem Zimmer in diesem Bett liege? Die Stimmen sind leblose Schallwellen, transportierter Impuls, Energie, die kein Leben nährt. Calculo ergo sum. Summ, summ. Ich liege hier und ich warte auf die Melodie.
Ich stelle mir vor, daß du mich hier liegen siehst. Du sähest ein offenes System in seinen letzten Zügen, die Nässe des Lakens würdest du als Blut identifizieren, da wäre nichts, was die Macht besäße, dieses System zu erhalten. Die Energie einer fernen, vermuteten Sonne wäre vollständig absorbiert in der flirrenden Luft, und darin der Dunst allen Wassers, so daß es kein Leben gäbe, und nichts atmete. Meine Lunge sprach ohnehin zeitlebens eine andere Sprache als die übrigen Organe, die Atemfrequenz inkommensurabel zum Schlagen des Herzens. Denn meine Atmung ist willkürlich gewesen: im ewigen Zerwürfnis zwischen Körper und Geist hat sie die Partei des Selbstgefälligen ergriffen. So spielen Geist und Körper Rekursion in einer Endlosschleife. Die Abbruchbedingung ist niedergeschrieben in einer gemeinsamen Sprache, die nicht existiert. Die letzte Hoffnung besteht in der Erkenntnis, daß ich nicht weiß, was du in mir siehst. Die letzte Hoffnung besteht im Irrtum.
“Vom Einfrieren” von Sarah.