von LyraBerethil
Gestern ist mir der große Zeh abgebrochen, der rechte. Einfach so, beim Laufen. Wahrscheinlich ob meines Ganges, der in letzter Zeit immer tiefer und schlurfender wurde, vielleicht ob meines Kniegelenkes, das sich mit jedem Schritt ein wenig mehr abreibt.
Ich hab ein Pflaster über die Wunde geklebt, um keinen Dreck hinein zu bekommen. Und mein dummer Fuß hat nicht bemerkt, dass ihm der Zeh fehlte, hat sich einfach weitergewälzt und den Zeh unter sich begraben. Der dumme, dumme Fuß. Jeden Schritt, den ich gehe, drängen sich mir Schmerzen durch die Beine, kalt und grau pfeift der Wind durch die Stelle, wo ehemals der große Zeh war, kalt und grau zieht es zum Knie hinauf und heiß und brennend weiter. Jeder Schritt reibt mir die Knie auf. Ich bin in die Apotheke gegangen und sagte, ich wolle eine große Mullbinde. Am besten gleich zwei und in der Apotheke hab ich sofort meine Knie verbunden, damit ich diese verdammte Stelle nicht mehr sehen muss, wo sich der Schmerz hinauf frisst. Wie ein übergroßer Kopf, wie eine große Eiterbeule schlingt sich der Verband um die Gelenke und ich sehe trotzdem noch die Stelle, wo die Knie sich abreiben und fühle den Sand in den Mullbinden.
Meine Füße nur noch schwarze tönerne Stummel, meine Beine schwarze tönerne Stöcke.
Es war Montag, glaub ich, da war seltsames Wetter. Strahlender Sonnenschein, nur damit gleich darauf schrecklicher Regen Einzug halten konnte. Ich habe trotzdem umsichtig einen Regenschirm mitgenommen, als ich hinaus ging. Die Sonne lachte und schien mir auf den Körper und meine dumme Hand wollte den Schirm nicht mehr tragen und hat ihn einfach losgelassen. Meine dummen Beine sind lachend losgerannt und die Hände waren Flügel im Wind. Dann sind Wolken gekommen, schwarz und grau, dann sind Wolken gekommen und es regnete, regnete und ich hatte keinen Regenschirm. Der Regen hat mir die Schultern aufgeweicht, erbarmungslos ist er auf sie eingeprasselt bis sie grau-braun, weich und rissig waren. Stundenlang hab ich meine Arme keinen Millimeter bewegt, aus Angst, sie könnten einfach abreißen. Alles nur wegen dieser dummen, dummen Hand.
Meine Schultern sind nicht mehr als bröckelnde graue Knubbel, meine Arme faserige Blumenstängel voll von Rissen und Ängsten. Meine Hände sind die getrockneten Krallen eines Toten, ebenso steif und kalt.
Und dann, kaum ein paar Tage später, da wollte mein Bauch etwas zu essen, und wenn er es nicht bekäme, drohte er mir, würde Schlimmes passieren. Mit einem Schlag meiner Totenkrallen habe ich ihn zum Schweigen gebracht und die Beine zum Knicken wie trockenste Hölzchen, denn sie mögen meinen Bauch. Er grummelte immer noch und immer noch, dann gluckerte er und kurzerhand nahm ich einen Hammer und schlug damit hinein. Dann ist mein Bauch ohnmächtig geworden und ich bin es auch. Jetzt ist er tot, geborsten und ich kann nichts mehr essen.
Mein Bauch ist geborstene Erde, borstiges Gift und ich hab ihn umgebracht.
Und jetzt, in diesem Moment spüre ich meine Seele bröckeln. Sie verlor schon seit längerem hier und da Stücke vom Rand, aber heute habe ich einen Riss gespürt, der mittendurch ging. Und die dummen Hände wissen sich keinen Rat und der dumme Kopf mit den spärlichen Haaren weiß sich erst recht keinen. So dachte er sich, wenn die Seele stirbt, kann man sie in dem Augenblick vor ihrem Tode an den Teufel verhökern, vielleicht bekäme man einen Ersatz. So also rief mein Mund nach dem Beelzebub persönlich. Doch er ist nicht erschienen. Vielleicht, sagte sich mein Kopf, interessieren ihn tönerne Seelen nicht, selbst wenn sie so schwarz sind wie meine. Und dann, das spürte ich genau, spürte ich durch die kalten grauen Füße, spürte ich durch den geborstenen Bauch, durch die dummen Totenkrallen und die ängstlichen Haare spürte ich, wie die Seele entzwei gebrochen ist. Einfach so.
Diese dumme, dumme Seele
Tönern sind die schwarzen Wolken über mir und tönern bleibt mein Leib.