Unser Lesetipp (junge) Literatur für diese Woche:
„Keine Spuren“ von Vessel.
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„Keine Spuren“ von Vessel.
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…ist nicht nur ein wunderbares Beispiel für eine Alliteration wie sie im Buche steht, sondern auch eine Frage, die ich mir immer wieder stelle und mit der sich Andere – vornehmlich meine Eltern – eins A auf die Palme jagen lassen.
Im Moment bewegen mich vor allem folgende Fragen der „Was-wäre-wenn“-Art:
Was wäre wenn Frau Oberstufenkoordinatorin im mündlichen Abi geahnt hätte, welch literarischen Ergüsse aus meiner Feder sie noch über sich in der Abizeitung lesen wird?
Was wäre wenn sich im Urlaub aus Versehen eine türkische Muschel in meinen Koffer schmuggeln sollte?
und
Was wäre wenn ich mich im Juni so im Labyrinth der Deutschen Bahn verfranze, dass ich bis zum Abiball nicht mehr auftauche?
Leider sind das alles nicht wirklich kolumnenwürdige Themen, auch wenn ich mich durchaus über gewisse Lehrpersonen oder die Deutsche Bahn auslassen könnte. Dennoch.
Die zündende Idee lieferte mir schließlich ein Freund, der nur im Scherz sagte: „Schreib doch über den Weltuntergang.“
Hey. Keine schlechte Idee.
Was wäre wenn tatsächlich, wie dank Maya-Kalender seit langer Zeit vermutet und in den Medien und den Köpfen esoterisch Angehauchter breitgetreten, am 21. Dezember dieses Jahres die Welt untergehen sollte?
Mal scharf überlegen. Vielleicht spielt sich das klassische Endzeit-Epos ab. Wirbelstürme, die sämtliche von Menschenhand gefertigten Bauwerke (allen voran die Freiheitsstatue und die Golden-Gate-Bridge) dem Erdboden gleichmachen, eine neue Eiszeit (warm anziehen!), vielleicht werden wir auch alle von einem Virus befallen und nur Will Smith überlebt (Frage: Wo ist dann Bruce Willis?) oder wir werden alle im ewigen Fegefeuer schmoren.
Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass Spötter (wie meine Wenigkeit) am 21. Dezember für ihr Herumgeschrotze bezahlen werden. Dann werde ich mir vermutlich in den Hintern beißen, das Geschwafel nicht ernster genommen zu haben. Wenn ich dann noch im Besitz eines Hinterteils sein sollte.
Da ich mich aber gerne selbst beruhige, suche ich mir in der Regel immer die für mich angenehmsten Theorien heraus. Ob jetzt zur Pestizidbelastung vom Sommergemüse, Krankheitsdiagnosen oder eben dem Weltuntergang. Zu letzterem gehe ich einfach mal davon aus, dass in 7,59 Milliarden Jahren die Sonne die Erde verschluckt oder – im schlimmsten Fall – in 40 Millionen Jahren unser Heimatplanet mit der Venus oder dem Merkur kollidiert. Selbst im schlimmeren Fall: 40 Millionen Jahre sollten mir zur Erfüllung all meiner Lebensträume reichen, egal, wie sehr Forscher auch jetzt vor dieser Katastrophe warnen.
Die Maya kannten diese Theorien anscheinend noch nicht. Ihr Kalender endet wohl am 21. Dezember 2012. Warum, da bin ich allerdings ganz der Meinung
dieses Karikaturisten. Wozu einen Drei-Milliarden-Jahre-Kalender kreieren, wenn man dafür eine ganze Höhlenwand vollschmieren müsste?
Leider musste ich vor ein paar Tagen aber erfahren, dass diese simple aber doch so geniale Antwort auf die Endzeitpanik völlig hinfällig ist. Man höre und staune: Der Maya-Kalender mit Ende 2012 ist ein Fake. Oder eher ein billiges Remake ihres eigenen Ur-Kalenders. In der guatemaltekischen Maya-Stadt Xultún fand man einen Kalender an einer Häuserwand (aha, da war jemand weniger minimalistisch), der uns leichtgläubigen Narren von heute zumindest so viel verrät, dass sich die Erde noch ein paar tausend Jährchen weiterdreht. Und da dieser Kalender schlappe 400 Jahre älter ist, als der bisher bekannte, nämlich gute 1200 Jahre auf dem Buckel oder eher der Felswand hat, hat er einfach mal Recht. Wahrscheinlich solange, bis man die nächste Gesteinsschicht abkratzt, einen Kalender findet, nach dem die Welt vor dreihundert Jahren hätte in die Luft fliegen sollen und beginnt, die Eieruhr nach der noch ausstehenden Explosion zu stellen.
Also: Was wäre wenn der Weltuntergang ausfallen sollte?
Ich bin der Meinung: Die Welt ist gerüstet. Wer möchte kann sich bei Facebook der großen Aftershowparty am 22. Dezember anschließen. Es gibt ganze Gruppen, die verkünden, am Tag nach dem angekündigten Untergang nackt durch die Straßen zu laufen und alle auszulachen. Die Computer an den Börsen haben die Umstellung auf’s Jahr 2000 geschafft, dann schaffen sie auch den 21. Dezember 2012. Und im Supermarkt stehen so viele Eintöpfe von Erasco, dass man damit wahrscheinlich die Wollnys übers Jahr bringen könnte. Also.
Was meine Person angeht: Ich werde mir am 22. Dezember einen gemütlichen Filmabend machen und endlich einmal „2012“ schauen. Habe ich nämlich bis jetzt noch nicht geschafft. Und dann einen Erasco-Hühner-Nudel-Topf aufwärmen. Aber vor allem werde ich mir neue „Was-wäre-wenn“-Fragen überlegen müssen. Und weiterspekulieren.
Womit ich am Ende meiner heutigen Spekulation wäre. Und zugleich am Anfang. Also:
Was wäre wenn…
Die verschiedenen erwähnten Theorien finden sich ausformuliert
Hier,
Hier und
Hier – Jugendkolumne von RankNonsense.
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In der ersten Nacht nach meinem Umzug bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt mit einem vagen Grauen und der Erinnerung an einen furchtbaren Schrei. Ich wusste nicht, ob ich geträumt hatte. Es war komisch, sous-terrain zu schlafen, dann die Nervosität vor Beginn des Studiums und so – vielleicht war es das. Meine Mitbewohnerinnen hatten nichts gehört. Seitdem bin ich aber immer etwas angespannt, wenn vor dem Haus Stimmen lauter werden oder der Nachbar über uns mit seiner Freundin herumbrüllt.
Das ist auch keine gute Gegend hier, wie man das gemeinhin so sagt, viel betreutes Wohnen und solche Dinge, Drogensüchtige, Sozialfälle. Einige hundert Meter von meinem Schreibtisch hat neulich ein junger Mann seine Freundin umgebracht, einfach so.
Diese Woche war es fast ein Déjà-vu, ich lag im Bett und las, halb zwei Uhr morgens, und draußen auf der Straße hörte man Betrunkene herumlaufen und einander anpöbeln. Die Stimmen wurden dann mit einem Mal lauter und ich war nicht sicher, ob ich einen Hilferuf herausgehört hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon diese überdrehte Übelkeit im Magen. Ich legte mein Buch weg und stand ein wenig blöd in meinem Zimmer herum, nach draußen lauschend. Plötzlich schrie jemand direkt vor unserem Haus unsere Adresse und um Hilfe. Ich packte mein Handy, eine Hose und eine Jacke und rannte nach oben, von wo man die Straße sehen kann. Ein Mann in Boxershorts, er sah kaum älter aus als ich, rannte geduckt und panisch zwischen den parkenden Autos herum, er versteckte sich dahinter und huschte von Deckung zu Deckung, dabei rief er die umliegenden Adressen auf und um Hilfe, er werde verfolgt, ein schwarzer Renault oder so, der auch wirklich in der kreuzenden Straße stand. Ich begann zu zittern wie in den Büchern und wählte 110, zum ersten Mal in meinem Leben (das hat mich sehr beeindruckt), wenn auch nicht als erste zu dieser Situation (der Beamte unterbrach mich schon bei Nennung der Adresse wissend) und wartete dann.
Es war ein sehr merkwürdiger Moment. Der junge Mann verharrte zusammengekauert zwischen zwei Autos genau gegenüber, während ich im dunklen Zimmer zwischen den Vorhängen stand und draußen an der Kreuzung ein Taxifahrer die Szenerie beobachtete. Etwa eine halbe Minute später fuhr ein Streifenwagen an; es sah fast aus wie ein Spiel, er hatte immer noch Angst und die Beamten etwas Amüsiertes. Als ich die Treppe runterging, zitterte ich immer noch. Auch als ich mein Handy ausschaltete und schon fünf Minuten wieder im Bett lag, und mir war kalt.
Kolumnenartigeres hab ich nicht. – Sonntagskolumne von m.o.bryé.
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Unser Lesetipp (junge) Literatur für diese Woche:
„Äquivalenz der Freiheit“ von kobra.
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Es sei gelobt und angekündigt: Das letzte laaaaaaange Essay von mir zum Geschlechterthema. Mach ich ja nur, um die Zeit bis zu Sarahs Beitrag zu überbrücken ![]()
Insgesamt scheint etwas Verwirrung darüber zu herrschen, wie wir Männer heute eigentlich so sind. Ob man SPIEGEL liest, ZEIT, Süddeutsche – die ganze mittig bis leicht linke Presse hat sich von Rauhfaser ein Trendthema abgeschaut. Während sich die Einen sich nach wie vor am alten Männer(feind)bild abarbeiten und von Mars und Venus schwafeln, beklagen die Anderen, dass es unter 30 (bald muss ich mich ja zum Glück nicht mehr angesprochen fühlen) nur noch überreflektierte Frauenversteher gebe und Dritte möchten die Jungs, die angeblich nie erwachsen werden wollen, gerne “zurückpfeifen”. Dass viele öffentlich klagen, aber eigentlich kaum jemand – gerne seien auch Frauen dazu eingeladen – ein Loblieb auf den Mann singt, ist nichts Neues und inspirierte bereits in den 1990er Jahren eine deutsche Frauenzeitung zu der Werbeanzeige, auf der eine haushohe Riesenspinne eine Stadt in Schutt und Asche legt und sich ihr ein Mann mit Fliegenklatsche in den Weg stellt, während die Frau an seinen Arm schreit “Iih, mach das weg”. Der Slogan: “Männer, gut dass es sie gibt”. Die spannende Frage scheint zu sein: Wofür braucht man uns denn?
Die Verwirrung ist durchaus nicht unnachvollziehbar, denn mir scheint, dass sich das gelebte Männerbild in meiner, unserer Generation fundamental geändert hat, ohne dass das sozial/medial reflektiert wurde. Und dass das Frauen vielleicht sogar mehr verwirrt als Männer. Ich erlebe und schreibe das – wie es dem Erleben gebührt – radikal subjektiv, aus meinem eigenen Biotop von bunt durch Deutschland und Amerika gewürfelten (Wahl-)Großstädtern zwischen 20 und 35 mit überdurchschnittlicher geistiger Wachheit, Affinität zu Musik und Kunst, geringem Massenmedienkonsum und ausgeprägtem Individualismus. Also nicht mit dem leisesten Anspruch, repräsentativ zu sein. Doch in diesem Ausschnitt der sozialen Realität habe ich etwas erlebt, als ich mit diesen Jungs aufgewachsen bin:
Unsere Männlichkeitsinsignien haben sich gewandelt. Massiv. Als wir klein waren, geierten wir (ich spreche selbstredend völlig anmaßend von “wir” und schere damit Jungs über einen Kamm, die natürlich untereinander mächtig unterschielich sind) über Autoquartetts, wollten James Bond werden, spielten die Fußball-WM-Spiele am Baggersee nach und dachten uns als künftige Familienernährer, auf jeden Fall als berühmt, mindestens aber als reich. Frauen würden wir auswählen, erobern, für uns gewinnen…Metaphern zwischen Kampf und Spiel mit eindeutiger aktiv-passiv Verteilung. Respekt bekam der Lehrer mit dem neuen BMW M3, oder der, der wie Indiana Jones aussah. Und natürlich der, auf den die hübschen Schülerinnen flogen.
Was ist dann nur aus uns geworden?
Kommunikationspsychologen, Mediengestalter, PR-Experten, Landschaftsgärtner, Sozialarbeiter, Lehrer. (Ich gebe zu: Ein Biomediziner, ein Speditionskaufmann und ein Jurist sind auch dabei). Das klingt irgendwie näher an Bridget als an Indiana Jones. Mein Autospleen, der noch zu Abi-Zeiten Anerkennung erfuhr, gilt heute als anachronistische Marotte…sporliche Autos, die dauernd Geld und Mühe kosten, geraten eher unter Statussymbolverdacht, als Begeisterung auszulösen. Außer mir hat einer in meinem Freundeskreis ein Auto. Einen Trabi. Genau ein Mann in meinem Freundeskreis interessiert sich heute noch für Fußball. Und die Sache mit dem Geld, der Macht oder der Familienernährerrolle? In ca. 50 Prozent der Beziehungen in meinem Freundeskreis kamen/kommen die Frauen schneller und besser mit dem Studium voran, haben die solideren Jobs, mitunter auch das höhere Gehalt. In den anderen 50 Prozent haben weder Mann noch Frau die geringste Lust darauf, dass er den Ernährer gibt. Die Frauen machen lieber Karriere…als – ich gehe hier jetzt meinen Freundeskreis durch – Juristin, Unternehmensberaterin, Kriminalpolizistin, Architektin, Ärztin, Physikerin (ich gebe zu: eine Game-Designerin ist auch dabei, eine Lehrerin und eine PR-Expertin)…die Männer haben lieber mehr Zeit und Energie für Musik und nicht wenige hätten sie später gerne auch für die Kinder. In den Erwerbsbiografien klaffen häufig freiwillige oder zumindest mutwillig in Kauf genommene Lücken der größeren Art. Alben aufnehmen, durch die Gegend reisen, Studien oder Ausbildungen “mal ausprobieren”, Selbstfindung. Die neuen Staussymbole: Kreativität, Inspiration, Unangepasstheit – und das Selbstbewusstsein, die damit verbundenen soziohierarchischen und Karriererisiken auf sich zu nehmen. Dass ich bei einem Energiekonzern arbeite und gut verdiene, ist etwas fast schon Peinliches, über das man lieber nicht spricht, so tut, als wäre es nicht so (in der Grundschule noch dachten wir, soetwas sei dann Anlass, jetzt endlich selbst den BMW zu kaufen oder…Ihr wisst schon: Baum pflanzen, Haus bauen und so). Überhaupt Beziehungen: In den meisten Partnerschaften in meinem Umfeld sind die Männer schüchterner als die Frauen, die eher den Kurs der Beziehung prägen, nicht selten auch sexuell forscher sind und die großen Fragen bis hin zum Heiratsantrag mindestens mit gleicher, wenn nicht gar höherer Wahrscheinlichkeit ansprechen…”erobern” würde niemand mehr ernsthaft sagen oder meinen, “zusammenfinden” ist der Begriff der Stunde.
Was sich mit den Insignien und damit verbundenen Lebensentwürfen gewandelt hat, ist das Kommunikationsverhalten – verbal wie physisch. In der vierten, fünften, sechsten Klasse noch galt die Angst davor, als “schwul” abgestempelt zu werden, wenn man unter Männern freundschaftlich körperliche Nähe zeigte oder über seine Gefühle sprach. In der siebten bis zehnten Klasse galt es noch mindestens als wahlweise “Emo” oder “Weichei”. Ab der elften, zwölften Klasse fing das plötzlich an, dass das Umarmen zur Begrüßung salonfähig, ja cool war – solange man es angemessen stilisierte und ironisierte (Neunziger-/Nullerkram eben). Und heute ist das “komm, ich nehm Dich in den Arm”, das fest-Drücken, in Ausnahmefällen auch das über-den-Kopf-Streichen oder untergehakt-durch-die-Stadt-Laufen unter Männern in meinem Umfeld ein legitimer Bestandteil des Ausdrucksrepertoires, des füreinander-Daseins in einer Freundschaft geworden. Das Gespräch über Befindlichkeit, Träume, Wünsche, Lachen und Tränen kneipentauglich (zumindest in Bremen, San Francisco und Berlin). In klassischen Freundschaftsgesprächen über Beziehungen nach dem Muster “Ich muss mich ausheulen, weil…” geht es durchaus manchmal noch um klassische Themen wie: “sie ist zu eifersüchtig” oder “sie klammert” oder “sie ist zu fordernd” – doch immer häufiger tritt hervor “sie hört mir nicht zu”, “sie ist wenig empathisch”, “wir kommunizieren nicht gut”, “sie nimmt meine Kreativität nicht an”, “sie unterschätzt meine Verletzlichkeit”, “sie kann Nähe schlecht zulassen”, “sie ist unromantisch”. Diese zutiefst menschlichen Erwartungen, die aber lange keine Männlichen sein durften, werden nicht länger verleugnet, sondern offen und ohne Scham geäußert…als Wunsch, als Bedürfnis, als Anspruch. Im Gegenteil sogar: Lächerlich oder zumindest irgendwie unheimlich macht sich, wer hart wirkt, unerschütterlich…heute entschuldigte sich ein Freund dafür, einen Trauerfall erst abends an sich heranlassen zu wollen, rechnete damit, dass ein entsprechend pragmatisches Management von Gefühlen im (männlichen!) Freundeskreis Unverständnis und Missfallen hervorrufen würde. Und wo Ironie in Zynismus umschlägt, gähnen alle “das ist so 90er”.
Insgesamt scheint mir, dass hier Männer – ich sage bewusst nicht “wir Männer” oder “die Männer”, weil ich schwer abschätzen kann, wie sich das in anderen Gesellschaftsausschnitten verhält und natürlich auch nicht wenige Gegenbeispiele kenne – einen Wandel durchgemacht haben in den letzten 20 Jahren, der sie aus Männersicht der frühen bis mittleren 1980er, in denen sie geboren wurden, vielleicht kaum noch als typische Männer scheinen ließe. Sondern als frappierend weiblich. Und das, ohne dass wir Jungs (oder unsere Partnerinnen) irgendwelche Kastrationsgefühle hätten. Wir haben uns auch nicht Gender-Mainstreaming-Leitbildern angepasst. Sondern einfach das entspanntere, spannendere, menschlichere Land jenseits des klassischen Männerbildes entdeckt.
Wenn das nicht nur nicht bejubelt wird als weiterer Schritt der Emanzipation, sondern entweder medial gar nicht bemerkt wird (man denke daran, mit welchem Hohn und Spott und vor allem mit wie wenig Beachtung Paul-Herrmann Gruners grundlegendes Buch “Frauen und Kinder zuerst” Anfang der Nullerjahre empfangen wurde) oder – von meist weiblicher Seite! – als “was ist nur aus den Männern geworden” betrauert wird, drängt sich mir ein übler Verdacht auf, der hier zum Schluss geäußert sei, um die Debatte anzuheizen:
Ist vielleicht der Erfolg der weiblichen Emanzipation auch darin begründet gewesen, dass sie wirtschaftlich wünschbar war, im Grunde prokapitalistisch? Dass, indem die Hausfrau zur Businessfrau wurde, vormals nicht kapitalisierbare Arbeitskraft kapitalisierbar wurde, sich die Zahl qualifizierter Arbeitskräfte dadurch erhöhte, der Wettbewerbsdruck somit auch – was Arbeitgebern eine bessere Auswahl zu tendenziell niedrigeren Löhnen verheißt? Dass indem mehr Frauen kapitalistisch messbaren Mehrwert generieren, das Bruttosozialprodukt insgesamt steigt und damit insbesondere die Margen der ein bis zwei Prozent? Nicht zu vergessen: Dass mit mehr finanzieller Autonomie der Frauen der Konsum angekurbelt wird? Zumal in einer Zeit, als die junge Bundesrepublik zum ersten Mal auf Wachstumshemmnisse traf?
Und müsste man, wenn die “neuen Männer” (der bekloppte Begriff sei spaßeshalber verwendet) auf den BMW pfeifen, die 50- gegen eine 35-Stunden-Woche eintauschen, lieber Designer als Buchhalter werden, bereitwillig Einkommen gegen Lebensqualität tauschen und lieber Musik machen als in den Nachtclub gehen, nicht über eine neue Arbeitsteilung nachdenken…müssten dann nicht andere (womöglich Frauen?) mehr arbeiten? Oder alle mit weniger Bruttosozialprodukt zu leben bereit sein?
Ist der nostalgische Nachruf auf den Mann oder das Klagen über seine heutige Unbestimmtheit vielleicht auch die Angst davor, dieses Fass aufzumachen? Weil es Dynamit birgt – für Männer, für Frauen, für die Gesellschaft, die Politik, nicht zuletzt die Wirtschaft? Weil aber am Ende eine echte Emanzipation stehen könnte…eben eine der Geschlechter, nicht nur eines Geschlechts. – “Fundstücke aus dem männlichen Wahrnehmungsapparat. II – Rollentausch?” – von Jan.
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Listen and repeat:
„Der fundamentale Attributionsfehler bezeichnet die Tendenz von Menschen, wenn sie das Verhalten anderer einschätzen, dispositionale Faktoren (Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen, Meinungen, Herkunft, …) systematisch zu überschätzen und den Einfluss externer Faktoren (Situation) zu unterschätzen.“
Das bedeutet, grob gesagt, dass man dazu neigt, Menschen als Individuum mehr „Schuld“ zu geben, als sie objektiv betrachtet haben. Wir neigen zum Beispiel intuitiv dazu zu sagen, dass die Menschen, die in den Konzentrationslagern getötet haben, grundsätzlich „schlechte“ Menschen waren. (Vielleicht um die Illusion zu wahren, dass wir anders sind. Das Ganze geschieht auf einer sehr subtilen Ebene mit uns.) Klassisches Gegenbeispiel ist das Milgram-Experiment, das deutlich gezeigt hat, dass ziemlich viele Menschen ähnlich gehandelt haben könnten wie die KZ-Wächter.
[An dieser Stelle ein mahnender Einschub: Das ist keine Absolution oder gar ein Freispruch. Was in den KZs passierte, ist absolut abscheulich und verwerflich. Der fundamentale Attributionsfehler sagt nicht, dass diese Menschen keine Wahl hatten, er sagt nur, dass wir es uns beim Beurteilen ziemlich schnell leicht machen, zu sagen, die waren „böse“.]
Zurück zum Thema – irrerweise passiert uns das Gleiche in der Liebe und im Film. Besonders also im Liebesfilm. Ich möchte eine klassische Filmhandlung skizzieren: Sie kennen sich schon ewig und verlieren sich, denn sie zieht in der dritten Klasse weg. Die nächsten Jahre verbringt er damit, immer an sie zu denken. Sie ist seine “große Liebe”. Durch diverse Wirrungen und unglaubliche Zufälle begegnen sie sich wieder. Sie haben einander nie vergessen und sind im Grunde natürlich immer noch in einander verliebt. Die beiden verbringen eine unglaubliche Zeit zusammen, erleben viele Abenteuer und bleiben am Ende für immer glücklich zusammen.
Der Betrachter neigt intuitiv, so er sich denn auf das emotionale Erlebnis einlassen kann, dazu, anzunehmen, hier wäre ein Füreinanderbestimmtsein am Werk. Und genau hier lauert unser Freund, der fundamentale Attributionsfehler. In meinen Augen übersehen die meisten Leute an diesem Punkt, dass zum einen die Figuren oft in einer Situation stecken, die es ihnen ermöglicht, sich voll und ganz aufeinander zu konzentrieren, ohne die Ablenkungen des Alltags. (Das ist meist die so genannte „Haupthandlung“.) Außerdem vergisst man allzu leicht die sehr konstruierten Zufälle, welche Filmfiguren miteinander verbinden. Mag es solche Ereignisketten auch real geben, geschehen sie dennoch unabhängig davon, ob jemand „zusammengehört“ oder nicht.
Zum anderen überschätzt man die Eignung der Personen füreinander. Man hat das Gefühl, dass eine vorgelagerte Zusammengehörigkeit kausal zu allem führt, was die beiden zusammenführt. Also man denkt, dass sie zusammengehören und deshalb zueinander finden. Daraus entsteht ein irreales Erwartungsbild an Beziehungen: es müsse doch irgendwo da draußen jemanden geben, der die Disposition erfüllt und nur für mich ist. Ich denke, das ist zu kurz gedacht, weil Beziehungen immer auch erfordern, dass man sich einander bewusst zuwendet. Sicherlich gibt es den Faktor „Zusammenpassen“, aber man sollte ihn nicht für ausschließlich halten. Beziehungen, die über die erste Verliebtheit hinaus andauern, scheitern – denke ich – weniger daran, dass die Leute nicht zueinander passen, sondern eher daran, dass sie es nicht geschafft haben, sich emotional klug den Herausforderungen zu stellen, die eine dauerhafte Beziehung mit sich bringt. (Der Partner, der die Schuhe immer im Gang liegen lässt, die Zahnbürste falsch herum in den Becher stellt oder die Morgenmuffligkeit oder oder oder.)
Ich beziehe das auf die „klassische“ Zweierbeziehung, weil sich meine Erfahrungen darauf beschränken, aber ich kann guten Gewissens voraussagen, dass sich das in vielen Arten von Beziehungen zeigen wird. Denken Sie mal drüber nach. – Sonntagskolumne von MagunSimurgh.
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